Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Auch zweiter Coup geglückt

Gießener Allgemeine, 25.2.2015

Susanna Yoko Henkel (Violine) und Milana Chernyavska (Klavier) im Meisterkonzert

Susanna Yoko Henkel (Violine) und Milana Chernyavska (Klavier) hatten es sich beim ausverkauften Winterkonzert im Rathaus nicht leicht gemacht, wählten sie doch zum Einstieg eines der berühmtesten Werke für diese Besetzung überhaupt: Ludwig van Beethovens „Frühlingssonate“ Nr. 5 F-Dur op. 24. Dies erlaubte Vergleichsmöglichkeiten und trieb die Erwartungen in die Höhe. Henkel unterstrich im eröffnenden Allegro von Beginn an die melodische Anmut, Chernyavska spannte das Thema inspiriert fort. Die Interpretation geriet nahezu ideal: fein die Tongebung und lebendig die Artikulation der Violinistin, genau koordiniert, dabei klanglich ausbalanciert die Begleitung der Pianistin. Überdies wirkte die formale Gestaltung derart transparent, dass sich die motivisch-thematische Arbeit in der Durchführung anschaulich nachvollziehen ließ. Zudem überraschten die Abweichungen der Reprise zur Exposition.

Anschließend streichelte das ruhige, tief empfunden vorgetragene Adagio die Seele. Da konnte man sich zurücklehnen und entspannt genießen. Zu entzücken vermochten der musikalische Witz und die jugendliche Unbekümmertheit beim Scherzo. Wohldosiert gelangen die dramatischen Zuspitzungen im Rondo-Finale.

Dass dem Meisterkonzertverein nach dem erstklassigen Liederabend mit Bariton Klaus Mertens und Lautenist Joachim Held der zweite große Coup in Folge geglückt war, bestätigte sich im weiteren Verlauf. In eine impressionistische Klangwelt nahm der Allegretto-Kopfsatz der Sonate G-Dur von Maurice Ravel mit. Das Duo bewies hier wieder sicheres stilistisches Einfühlungsvermögen, brachte gekonnt die schwebende Melodik und Harmonik zur Geltung. Amüsant war der markige Blues, der auf unverkrampft-lockere Weise Gattungsgrenzen aufhob, die herkömmliche Unterteilung nach Ernster und Unterhaltungsmusik ad absurdum führte. Wie raffiniert Ravel mit unterschiedlichen Ausdrucksformen spielt, sie zuweilen ironisch bricht, davon gewann man eine klare Vorstellung. Die humorvolle Seite des Komponisten offenbarte sich auch im Perpetuum-mobile-Finale, bei dem die Bewegung langsam anlief, um sich dann virtuos zu steigern. Die beiden Musikerinnen spielten wie aus einem Guss, ließen den Impuls nie abreißen.

Einen modernen Schlusspunkt bildete Sergei Prokofjews Sonate Nr. 1 f-Moll op. 80 mit der suggestiven, das magische Moment betonenden Klangsprache im ersten Satz. Darin schien die in sich kreisende Musik seelische Zerrissenheit herüberzubringen, den verzweifelten Versuch, einem trostlosen Schicksal zu entrinnen. Voll innerer Wut steckte das „Allegro brusco“, so vehement bot es das Duo dar. Nach all der Hitzigkeit gab das lyrisch-zarte Andante den Hörern Gelegenheit zur inneren Einkehr, berührte durch seine unendlich resignative Sphäre. Das kontrastreiche, mal kraftvolle, dann dynamisch zurückgenommene Allegrissimi-Finale setzte das i-Tüpfelchen. Für den begeisterten Applaus dankten Henkel und Chernyavska mit einem Prélude von Dmitri Schostakowitsch als Zugabe.    Sascha Jouini