Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Kritik der Gießener Allgmeinen Zeitung

Gießener Allgemeine, 29.1.2015

Wohllaut der Lieder

Erfreulich gut besucht war das zweite Winterkonzert im Rathaus mit Bariton Klaus Mertens und Lautenist Joachim Held. Das Duo widmete sich inspiriert vornehmlich um 1600 entstandenen englischen und italienischen Liedern. Einen beschaulichen Auftakt bildete die Komposition „Let not Cloris think“ von John Danyel (1564 bis 1626). Darin versprühte die intime Lautenbegleitung besonderen Charme. Mertens sang dieses und weitere Lieder Danyels, in denen eine geliebte Schülerin des Komponisten im Fokus steht, durchweg mit klarer Aussprache und feinem poetischem Empfinden. In „What delight can they enjoy“ unterstrich er gemeinsam mit Held gekonnt den rhythmisch freien, lebendigen Stil.

In zarte, fragile Klangwelten führten das Präludium und weitere Lautenstücke von John Dowland. Darin, aber auch in „King of Denmark, his Galliard“ bezauberte, welch nuancierte Tongebung Held seinem achtchörigen Instrument entlockte. Wunderbar transparent zeichnete er das Stimmengeflecht in der Fantasie.

Um die Liebe ging es erneut in vier Liedern von Dowland. Mertens ließ die Hörer hier mit seiner sensiblen Ader wieder ausgiebig in die emotionale Dimension eintauchen. Da schien jede Gefühlsregung, etwa durch Betonungen und artikulatorische Finessen, sorgsam ausgelotet. Über genügend dynamische Reserven verfügte der international renommierte Bariton in dem wohlbekannten Lied „Come again“.

Nach der Pause rückten italienische Kompositionen in den Mittelpunkt. Schon in den eingangs dargebotenen vier Liedern von Girolamo Frescobaldi lieferte das gegenüber der Kurzhalslaute vollere, tiefer herabreichende Klangbild der größeren Theorbe ein gut unterstützendes Fundament, verlieh etwa dramatischen Passagen in „Donna, siam rei di morte“ gehörig Gewicht.

Sehr ansprechend traf das Duo in „Se L'aura spira tutta vezzosa“ den tänzerischen Charakter und meisterte nicht minder vital das Lied „Cosi mi disprezzate?“ Wie vorzüglich die Theorbe unterschiedlichste Stimmungen zu transportieren vermag, offenbarte sich auch in zwei Instrumentalstücken von Alessandro Piccinini.

Ein pikanterer Abschluss ließ sich kaum vorstellen: Im letzten Lied – „Che legge é questo o Dio“ von Giacomo Carissimi – klagt ein Liebhaber, wie Mertens anmerkte, über seine weggelaufene Frau. Voller Nachdruck sang der Bariton das eröffnende, von innerer Wut geprägte Rezitativ, dem eine kurze Arie folgte. Für den begeisterten Applaus dankte das Duo mit einer Zugabe von Antonio Cesti.

Sascha Jouini


Gießener Anzeiger 29.01.2015

Genussvoller Abend mit Bassbariton Klaus Mertens und Liedern der Renaissance

09.11.2011 - GIESSEN

Von Heiner Schultz

Anzeiger canti amorosiGIESSEN - Einen höchst angenehmen Abend erlebten die zahlreichen Besucher des Liederabends im Rahmen der Meisterkonzerte am Dienstag. Bassbariton Klaus Mertens und Lautenist Joachim Held beeindruckten im Gießener Konzertsaal mit ihrem Programm englischer und italienischer Lieder der Renaissance die Zuhörer nachhaltig: ein Genuss.

„Canto amorosi“ hieß das Programm, und mit Liebesliedern des Klassikers des 17. Jahrhunderts, John Danyel (1564 bis 1626), ging es los. Schon bei seinem „Let not Cloris think“ machte Mertens mit bestechender Präzision, sehr gut differenziert und mit einem anmutigen Klang einen hervorragenden Eindruck. Noch war sein Ausdruck angemessen verhalten, doch man spürte bereits die mögliche Dynamik. Mühelos bewegte sich Mertens im englischen Duktus und ließ den historischen Sprachgebrauch in natürlicher Authentizität erklingen. Durch seine präzise Interpretation ergab sich ein anschauliches Bild der damaligen Liederszene, die einen speziellen Duktus aufweist – man reiste förmlich in die Vergangenheit.

Held wiederum ließ die Laute den Gesang förmlich umwehen und setzte den typischen kontrapunktischen Charakter perfekt um; eine selten zu erlebende Balance. In den instrumentalen Werken wie etwa John Dowlands (1563 bis 1626) „Preludium“ und „King of Denmark, his Galliard“ entfaltete Held nicht nur die Anmut der Komposition, sondern arbeitete den jeweiligen individuellen Charakter beispielhaft heraus, entwickelte ihn, stets mit größter Natürlichkeit. Mehrere erzählerische Ebenen wurden plastisch modelliert, etwa bei Moritz von Hessens (1572 bis 1632) Dowland gewidmeter „Pavane“ – um nur ein Beispiel zu nennen. Dowlands „Come again“ schloss dann mit kultiviertem, kraftvollem Ausdruck den ersten Teil ab.

Für den italienischen Teil nahm Held die erheblich größere Theorbe zu Hand, die zugleich einem seinerzeit veränderten Musikverständnis Rechnung trug, erläuterte Mertens: Die Sprache erlangte Vorrang vor der Musik. Kaum in Italien, wich die historische englische Zartheit des Gesangs einer handfesten romantischen Auffassung. Mertens zeigte sich dessen nicht nur gewachsen, sein sehr angenehm runder, schöner und hier oft tiefer Bariton brachte die Lieder vollkommen natürlich und gefühlvoll zur Geltung. Held wiederum setzte mit einigen Titeln Alessandro Piccininis (1566 bis 1638) die veränderte Musikauffassung klanglich und vor allem inhaltlich makellos um. Sehr schwer, hier einzelne Glanzlichter auszumachen, doch ragten sich Girolamo Frescobaldis (1583 bis 1643) „Se L’aura spira tutta vezzosa“ und „Cosi mi disprezzate?“ in Intensität und Kraft des Ausdruckes heraus. Ein herrlicher Ausflug in selten besuchte Konzertgefilde.

Mertens schloss mit „der Szene“ „Che legge équesto o Dio“ von Giacomo Carissimi (1605 bis 1674) ab und ließ das italienische Temperament höchst anschaulich materialisieren. Das Publikum, schon zu vor nie kleinlich, bedankte sich mit sehr starkem, lange anhaltendem Applaus: ein herausragender Abend, eine Bereicherung.

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