Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.


Gießener Allgemeine, 6.12.2014

Die Luft scheint zu knistern

Ensemble NeoBarock gestaltet den Auftakt der diesjährigen Winterkonzertreihe

Bereits zum zweiten Mal bewies das Ensemble NeoBarock im Rahmen der Winterkonzerte, dass Barockmusik nichts Antiquiertes an sich haben muss, vielmehr zeitlose Eleganz zu verströmen vermag. Volker Möller und Maren Ries (beide Violine) sowie Ariane Spiegel (Cello) und Arend Grosfeld (Cembalo) sorgten im Rathaus für einen hervorragenden Auftakt der neuen Konzertsaison. Des ausgewogeneren Klangs wegen saß die Cellistin dabei auf einem Podest.

Bei den spannungsgeladenen Abschnitten im eröffnenden Adagio der Sonate d-Moll für zwei Violinen und Basso continuo von Carl Philipp Emanuel Bach schien die Luft im Saal zu knistern, so energiegeladen spielte das Quartett und stellte dazu elegische Phrasen wirkungsvoll in Kontrast. Ebenso begeisterte die Musizierfreude beim anschließenden Allegro – bewusst reizten die Künstler die Dynamik aus. Tiefe Melancholie machte sich beim Largo breit. Hier gefiel besonders, wie behutsam die beiden Violinisten ihre Tongebung aufeinander abstimmten. Ganz konzentriert geriet das Zusammenspiel auch beim Vivace-Finale.

Ein Gemeinschaftswerk von Vater und Sohn, respektive Lehrer und Schüler, ist die Sonate G-Dur von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach, dargeboten in einer Rekonstruktion nach BWV 1038. Bei den motivisch-thematischen Dialogen im Largo-Kopfsatz faszinierten die unterschiedlichen Klangfarben der hellen, schlanken Violine und der dunkleren und wärmeren Viola, die hier Ries übernahm. Als ebensolcher Genuss erwies sich dank rhythmischer Genauigkeit das Vivace. In empfindsame Klangwelten konnte man beim Adagio eintauchen, während das virtuose Presto-Finale ganz spritzig daherkam.

Erfrischenden Genuss bereitete die Direktheit auch im lebhaften ersten Satz der Sonate g-Moll BWV 1029 des Bach-Vaters. Die Interpretation versprühte zackigen Elan und hob sich stark von harmonisch-gleichmäßigen Aufführungen manch anderer Ensembles ab. Dass die Musiker eine eigene Linie verfolgten, zeigte sich auch bei ihrer kühnen Spontaneität im Schluss-Allegro.

Auf konstant hohem Niveau ging es nach der Pause weiter mit dem Trio Nr. 4 d-Moll von Johann Philipp Kirnberger. Am meisten berührte die bleierne Schwere im Andante. Federnd-leicht floss die Musik demgegenüber im fugenartigen Allegro dahin, bei dem das Ensemble das Stimmengefüge transparent zeichnete. Noch unbeschwerter, zuweilen geradezu filigran spielte das Quartett das Presto-Finale.

Geschickt koppelten die Musiker das Trio mit der Sonate C-Dur von Johann Gottlieb Goldberg, bezauberten doch im schnellen zweiten Satz hier wieder raffinierte polyphone Satztechniken. Ausgesprochen intim wirkte das Largo mit dezenter, an eine Laute erinnernden Cembalobegleitung.

Die feine Interpretationsweise, die Liebe für artikulatorische Details beeindruckte bis zum Schluss des Konzertes, so auch bei Johann Sebastian Bachs Sonate d-Moll für zwei Violinen und Basso continuo (Rekonstruktion nach BWV 1043), besser bekannt als Doppelkonzert. Von betörender Anmut und Klarheit war der Zwiegesang der Violinen im berühmten Largo, während in den raschen Ecksätzen abermals das klanglich schlanke Interpretationsideal der Künstler bestach. Die Besucher erklatschten sich eine Chaconne von Heinrich Ignaz Franz Biber als Zugabe.     

  Sascha Jouini


Gießener Anzeiger vom 6.12.14

Ensemble Neobarock hüllt Bach und seine Schüler und prachtvollen Glanz

GIESSEN. Einen klangprächtigen und ganz differenzierten Musikabend erlebten die Besucher des 1. Winterkonzerts im Rahmen der Gießener Meisterkonzerte im Konzertsaal des Rathauses am Donnerstag. Das vierköpfige Ensemble Neobarock beeindruckte die ergriffenen Zuhörer mit Werken von Bach, Kirnberger und Goldberg auf höchstem musikalischem Niveau.

Dazu hatten sich die Musiker, dieses Jahr mit dem ECHO für Klassik ausgezeichnet, große Mühe gegeben und drei Triosonaten von Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Philipp Kirnberger und Johann Gottlieb Goldberg gefunden, die ursprünglich dem großen Johann Sebastian Bach zugeschrieben waren. Die drei Komponisten waren auch alle Schüler Bachs, doch der Abend zeigte, dass ihre Werke gut neben denen ihres Lehrmeisters bestehen konnten.

Volker Möller (Violine), Maren Ries (Violine, Viola), Ariane Spiegel (Violoncello) und Arend Grosfeld (Cembalo) versprühten einen intensive jugendlichen Schwung, aber sie wussten auch genau, was sie taten. Temperamentvoll musizierten sie zunächst Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) Sonate d-Moll für 2 Violinen und Basso continuo, früher unter BWV 1063 geführt. Ein temperamentvoller Ansatz, der bestehen blieb, fein gezeichnete Ausdruckslinien und ein ebenso ausgeführter zeitgenössischer Duktus nahmen sogleich für sich ein.

Es folgte Johann Sebastian Bachs (1985 bis 1750) Sonate G-Dur für Violine, Viola und Basso continuo, eine Rekonstruktion nach BWV 1038 von Klaus Hofmann. Man vermutete, es sei die Bachsche Originalversion. Große Gefühle waren zu verspüren: Ein sehnsüchtiges Drängen der Violinen im ersten Satz, beschwingt, lebendig – fast energisch – der Zweite. Im dritten Teil ging es fast andächtig zu, insgesamt aber etwas dramatischer als im ersten Stück.

Danach Johann Sebastian Bachs Sonate g-Moll für zwei Violinen und Basso continuo, eine Rekonstruktion der Urfassung des im BWV 1029 geführten Titels von Maren Ries. Ein unerschrockenes, klar gezeichnetes Volumen war da zu erleben, mitreißend und schwungvoll. Ein besonderer Genuss war der fantastische, artgerecht klassisch präzise muszierte Abschluss.

Ein weiteres Glanzlicht des auf höchstem Niveau dahingleitenden Abends lag in Johann Philipp Kirnbergers (1721 bis 1783) Trio 4 in d-Moll für zwei Violinen und Basso continuo. Auch hier musizierte man mit schöner Verve, lebhaft und sicher und schloss die Sätze perfekt ab; insgesamt vergnügt und vergnüglich, mit einem zuweilen direkt fetzigen Rhythmus.

Johann Gottlieb Goldbergs (1727 bis 1756) Sonate d-Moll für zwei Violinen und Basso continuo, wurde früher unter BWV 1037 J.S. Bach zugeschrieben. Etwas nachdenklicher im Ton und teils melancholisch, erfreute das Werk mit verschiedenen Klangeffekten (etwa dem gedämpften Cembalo) und deutlich variierenden Emotionalitäten, die dynamisch sehr lebendig wiedergegeben wurden.

Zum Schluss hörte man J. S. Bachs Sonate d-Moll für zwei Violinen und Basso continuo in der von Volker Möller rekonstruierten Urfassung aus dem BWV 1043. Mit historisch prachtvollem Glanz erstrahlte das, in fast schmachtendem, typischen Duktus, mit höchster interner Differenzierung, die zu großer Geschlossenheit hin entwickelt wurde. Ein ganz großer Wurf in einem durchweg von makelloser Musikalität und Sicherheit geprägten Konzert, das voller Frische und Lebendigkeit die teils historischen Werke gleichsam neu belebte. Riesenbeifall im fast vollen Saal.

Von Heiner Schultz