Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Brillantes Hába-Quartett in romantischen wie modernen Klangwelten unterwegs

Gießener Anzeiger 

23.02.2010 - GIESSEN

Von Susanne Engelbach

Das 5. Winterkonzert des Vereins Gießener Meisterkonzerte entführte die zahlreichen Zuschauer in eine Welt voller unterschiedlicher Klangereignisse: Mit dem Streichquartett im Fünfteltonsystem op. 98 von Alois Hába, sowie mit Werken von Janácek und Schumann brillierte das Hába-Quartett im Konzertsaal des Kulturrathauses.

Um es vorweg zu nehmen: Die hohen Ansprüche, die vor allem das Werk Hábas (1893-1973) und das Streichquartett Nr. 2 „Intime Briefe“ von Leos Janácek (1854-1928) mit sich brachten, meisterten die Musiker des bereits 1964 gegründeten Streichquartetts ohne große Schwierigkeiten. Dem Ensemble, das heute aus Sha Katsouris (Violine), Hovhannes Mokatsian (Violine), Peter Zelienka (Viola) und Arnold Ilg (Violoncello) besteht, widmete Hába, der sich von der Arbeit der Musiker begeistert zeigte, seine letzten zwölf Quartette.

Eröffnet wurde das Konzert jedoch zunächst mit dem Quartett des Tschechen Janácek, der die Volksmusik seiner Heimat Mähren ebenso aufmerksam beobachtete wie die Sprache seiner Landsleute und die Laute der Natur. Diese Einflüsse prägten sein Werk, das durchzogen ist von einer starken Aphoristik. Doch auch wenn seine Harmonik deutlich von folkloristischen Elementen geprägt ist, so weist sie doch in die Moderne. Das von den Musikern zu Gehör gebrachte Quartett „Intime Briefe“, das ein halbes Jahr vor dem Tod des Komponisten entstand, war eine Liebeserklärung an eine ebenso wie er verheiratete Freundin und er war fest davon überzeugt, dass es ihm gelungen war, „ein Stück zu schreiben, in dem die Erde bebt“. Diese aufgewühlten Gefühle, das wiederholte Aufflammen von Leidenschaft arbeite das Hába-Quartett mit herausragender Intensität heraus: Die beeindruckende Vielfalt klanglicher Ideen, die folkloristischen Melodien und ebenso die romantisch-expressiven Passagen ließen das Zuhören zu einem Erlebnis werden, bei dem kein routinierten Abspielen einstudierter Notenfolgen zu vernehmen war, sondern perfekter Intonation gepaart mit hohe Einfühlung in das ungewöhnliche Werk.

So gelang es den Musikern bereits im ersten Werk des Abends eindrücklich, ihre Fähigkeiten zum solistischen Spiel zu demonstrieren und gleichzeitig einen dynamischen Gesamtklang zu erzeugen. Besonders die 1. Violine, gespielt von Katsouris, hob sich mit klarer und auch in den hohen Lagen reiner Spielweise mehrmals vom Gesamtklang ab, die übrigen Musiker standen dieser Leistung jedoch in keiner Weise nach.

Ebenso zu überzeugen wusste das Hába-Quartett beim Werk ihres Namensgebers, der ebensfalls aus Tschechien kam und sich sich von der Volksmusik seiner Heimat in seinem Schaffen beeinflussen ließ: Der Avantgardist Hába erweiterte, inspiriert durch die Praxis traditioneller mährischer Musik, die Tonskala im Mikrointervalle, die der Cellist Ilg in einer einleitenden Erklärung an seinem Instrument demonstrierte. Die Erweiterung des musikalischen Ausdrucks, die der Klang-Experimentator damit erreichte, strukturierte er durch Reihung und Schachtelung einzelner Klangelemente zu differenzierten aber durch die klangliche Komplexität stets interessanten und aphoristisch kurzen Sätzen. Den besonderen Charakter eines jeden Satzes fing das Quartett gekonnt ein. Mokatsian, der hierbei die 1. Violine übernahm, konnte dabei nahtlos an die Leistung Katsouris’ anknüpfen.

Dass das Quartett nicht nur Werke des 20. Jahrhunderts in seinem Repertoire hat, sondern sich ebenso auf die Interpretation von Werken früherer Stilepochen versteht, zeigte die abschließende Aufführung des Streichquartetts a-Moll op. 41/1 von Robert Schumann. Das Werk, dass der Komponist in einer Phase des Selbstzweifels über seine Stellung als Künstler schrieb, zeigt deutlich seine Beschäftigung mit den Quartetten Haydns, Mozarts und Beethovens, ergänzt durch zahlreiche eigene kreative Einfälle.

Scheinbar mühelos gelang es dem Hába-Quartett sich stilistisch auf dieser Werk einzustellen, sodass trug auch dieses Werk zu diesem überaus gelungenen Konzert beitrug.
Das Publikum, dass sich von den modernen Klängen in der ersten Hälfte des Abends ebenso begeistert zeigte wie von den romantischen Klängen des Schumann-Quartetts, ließ diesen herausragenden Konzertabend nicht ohne Forderung nach einer Zugabe verstreichen.

Fünftes Winterkonzert im Rathaus mit dem Hába Quartett

Gießener Allgemeine Zeitung

Nach dem Gelius Trio im Januar war am Samstag in dem Hába Quartett aus Frankfurt im Rahmen der vom Verein Gießener Meisterkonzerte veranstalteten Winterkonzertreihe ein weiteres hochkarätiges Ensemble mit eigenständigem interpretatorischem Profil zu erleben.

Wirkungsvoll stellten Sha Katsouris (1. Violine), Hovhannes Mokatsian (2. Violine), Peter Zelienka (Viola) und Arnold Ilg (Cello) zu Beginn, im Kopfsatz von Leos Janáceks Streichquartett Nr. 2, fahle Flageolettklänge energischen und motorisch bestimmten Passagen gegenüber.

Die Musiker spielten mit vorausschauender formaler Konzeption und erzeugten ein dichtes Klangbild. Der persönliche, subjektiv anmutende Ausdruckscharakter kam voll zur Geltung, so auch beim folgenden Adagio, in dem sich innere Wut und Entschiedenheit mit Leidenschaftlichkeit mischte. Insgesamt ging das Ensemble in seiner inspirierten, einfühlsamen Vortragsweise flexibel aufeinander ein und spielte mit prägnanter, lebendiger Tongebung.

Man konnte tief in die spezielle Klangwelt eintauchen, so auch im Allegro-Finale, in dem elegische Melodien zu den derben, wuchtigen Abschnitten kontrastierten; die beiden Violinisten spielten bis in hohe Lagen mit makellos klarer, expressiver Intonation. Ebenso hörenswert das Streichquartett Nr. 16 op. 98 des Namensgebers Alois Hába. Die Ausdrucksextreme zwischen ruhigem ersten Satz und geballte Energie ausstrahlendem zweiten Satz förderte das Ensemble deutlich zutage. Kaum gewöhnungsbedürftig schien das Fünfteltonsystem, in dem das Werk geschrieben ist; es erweiterte die Bandbreite an klanglichen Schwebungen, Reibungen und Spannungen auf faszinierende Weise.

Abschließend bot das Ensemble mit großer innerer Konzentration Robert Schumanns Streichquartett a-Moll op. 41 Nr. 1 dar. Im ersten Satz zeichnete es die Struktur überaus transparent. Pointiert artikulierte es im anschließenden Scherzo, achtete hier zudem auf fein dosierte Dynamik. Die wehmütige Stimmung zog im Adagio dank der sensiblen Interpretation durchweg in den Bann. Rhythmisch präzise, melodisch konturiert und lupenrein intoniert gelang das Schluss-Presto, dessen lebensbejahender Charakter ansteckte. Für den begeisterten Applaus dankte das Ensemble mit einer Zugabe. Sascha Jouini


( Giessener Allgemeine Zeitung, 23.2.2010)