Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Die Gießener Allgemeine schreibt über das erste Konzert.

 

Die Kritik des Gießener Anzeigers (Susanne Engelbach):

Seliges Schweben überm Boden der Tatsachen

06.10.2009 - GIESSEN

1. Winterkonzert der Meisterkonzerte-Saison im Konzertsaal des neuen Kultur-Rathauses mit den "Frankfurt Strings"

Susanne Engelbach. Am Sonntagabend lud der Verein Gießener Meisterkonzerte e.V. zum 1. Winterkonzert dieser Saison in den Konzertsaal des neuen Kultur-Rathauses ein. Als gelungenen Auftakt spielte das Ensemble "Frankfurt Strings" Werke von Mozart, Boccherini, Mendelssohn-Bartholdy und Schostakowitsch.

Bereits zu Beginn zeigte sich, dass der neue Konzertsaal den traditionellen Winterkonzerten einen ganz eigenen Rahmen verleiht: Trotz modernster technischer Ausstattung vermittelt er eine äußerst gemütliche Atmosphäre und sorgt auch in den hintersten Reihen für einen ausgewogenen und warmen Klang. Die richtige Umgebung also für das Streichensemble des hr-Sinfonieorchesters "Frankfurt Strings", das mit kammermusikalischen Werken im Gepäck erschienen war und mit spielerischem Elan nach technischer Brillanz strebte - und diese auch fast immer erreichte. Nur an einigen Stellen stellt sich die Frage, ob das selbstständige Erarbeiten des Repertoires ohne Dirigenten, das das Ensemble seit seiner Entstehung 2008 praktiziert, wirklich dem Erreichen der eigenen hohen Ansprüche immer dienlich ist.

An Synchronität mangelte es jedenfalls auch ohne Taktstock nicht: Bereits bei Mozarts Divertimento in D-Dur (KV 136), das der erst 15-jährige Komponist als eines von drei Divertimenti nach seiner Rückkehr aus Italien schrieb, überzeugte das exzellente Timing der Musiker. Mit feiner Akzentuierung und nuancierter Melodieführung der Violinen, bauten die hohen Streicher harmonische Strukturen auf, die den Bratschen und Celli nur eine Begleitfunktion zuerkannte. Das äußerst präzise Hinhören und Einfügen der eigenen Stimme in einen homogenen Gesamtklang gelang den Streichern in exzellenter Weise, obwohl man jedem der Musiker aufgrund seiner technischen Fähigkeiten auch solistische Qualitäten zutraute. Dennoch: Aufgrund der hohen Konzentration der Musiker auf exakt synchrone (und eben nicht dirigierte) Einsätze wirkten manche davon zu mechanisch.

Im folgenden Werk versuchte der Cellist Ulrich Horn jedoch genau dem zu entfliehen: Im 2. Konzert für Violoncello und Streichorchester in D-Dur von Luigi Boccherini versorgte er das eher verhaltene Stück in einer etwas eigenwilligen Interpretation mit der nötigen Expressivität. Mitten im ersten Satz, der das Cello zunächst in das Orchester-Tutti einbindet, hob sich plötzlich klar und reichverziert die Melodie hervor, die Horn mit feinem Gespür für die nötige Dynamik vortrug. Durchaus fähig zu einer weichen und gebundenen Spielweise, kombinierte der Cellist eine schnelle und genaue Intonation häufig mit einer energischen Bogenführung, die auf jegliche Leichtigkeit verzichtete und für ein Boccherini-Werk unübliche Klangreibungen erzeugte. Dennoch versorgte genau dies das sonst überaus gefällige Werk mit dem nötigen leidenschaftlichen Ausdruck.

Der Einstieg in die folgende Streichsinfonie Nr. 5 in B-Dur von Felix Mendelssohn-Bartholdy, wies dagegen von Anfang an eine erfrischende Leichtigkeit auf und wirkte damit als prägnantes Gegenstück zu der an musikalischer Komplexität und Ausdruckskraft überreichen Kammersinfonie op. 110a von Dmitrij Schostakowitsch. Dieses Werk, das der russische Komponist als Streichquartett 1960 in Dresden schrieb und dem Gedächtnis der Opfer des Faschismus und des Krieges widmete, überzeugt durch vielerlei kompositorische Raffinessen: Ausgehend von einer Notenschrift seiner eigenen Initialen lässt Schostakowitsch das Werk aus russischen Revolutionsliedern und aus eigenen Werken zitieren.

Der zunächst unterschwellige Vorwärtsdrang jedes einzelnen Tones, dem die Musiker erst Mitte des ersten Satzes nachgeben durften, erzeugte eine außerordentlich hohe Grundspannung, die die dramatische Entwicklung des Satzes bereits ankündigte. In einem energiegeladenen Tutti entfalteten die "Frankfurt Strings" einen ebenso perfekten wie mitreißenden Klang.

Das völlig in den Bann dieses überwältigenden Werkes gezogene Publikum bedankte sich mit ausführlichem Applaus, der mit einer Zugabe aus Mendelssohns 6. Streichsinfonie quittiert wurde, die leider alle Anwesenden all zu schnell aus einem seligen Schwebezustand auf den Boden der Tatsachen zurückholte.