Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Der Gießener Anzeiger schreibt...

Musiker voller Vielseitigkeit, Virtuosität und Leidenschaft

09.02.2011 - GIESSEN


(sue). Mit Begeisterungsstürmen und Bravo-Rufen belohnte das zahlreich erschienene Publikum am Montagabend die Darbietungen beim fünften Winterkonzert des Vereins Gießener Meisterkonzerte. Das Ensemble, das sich aus dem Duo Brillaner und aus dem Streichquartett „Quatuor Terpsychordes“ zusammensetze, spielte mit ausgesprochen dynamischer Ausgestaltung und technischer Perfektion Werke von Prokofiew, Achron und Dvorák.

Bei dem Zusammentreffen zweier derart etablierter Künstlerformationen konnte man bereits bei dem Studium des Programmheftes auf großartige Darbietungen hoffen. Was die sechs Musiker schließlich darboten, übertraf jedoch jegliche Erwartung: Das Zusammenspiel von Shirley Brill (Klarinette) und Jonathan Aner (Klavier) vom Duo Brillaner sowie den „Quatuor Terpsychordes“ Girolamo Bottiglieri (Violine), Raya Raytcheva (Violine), Caroline Haas (Viola) und Francois Grin (Violoncello) gelang exzellent und sprühte nur so vor Vielseitigkeit, Virtuosität und Leidenschaft.

Das Quartett machte seinem Namen (einer Verschmelzung von „Terpsichore“, der tanzfreudigen Muse, und dem englischen „chords“ = Saiten) alle Ehre: Tänzerische Leichtigkeit und ausgeprägte Spielfreude gaben dem Klang den letzten Schliff zur Perfektion.

Besonders die Fähigkeit der Interpreten zur expressiven und einfühlsamen Hingabe ließ die folkloristischen und programmatischen Werke des ersten Teils zu tönenden Kostbarkeiten werden. Prokofiews Ouvertüre über hebräische Themen op. 34 eröffnete Brill mit einer wahrhaft brillanten Klarinette und gab die jüdischen Melodien gekonnt an die Streichern weiter. Schwungvoll bewegte sich der Klang des Holzblasinstruments über der Klanglandschaft aus Klavier und Streichern, die sich zwischen angemessener Zurückhaltung und expressiver Ausgestaltung bewegten und damit die neoklassizistischen Elemente, die moderne Harmonik und die epischen Melodien zu einer vollkommenen Einheit verbanden.

Sehr viel weniger deutlich zu vernehmen aber dennoch präsent waren die traditionell jüdischen Elemente in der Kindersuite op. 57 von Joseph Achron. Die 20 musikalischen Miniaturen, die sich musikalisch auf syangogale Musik (Tropen und Kantilenen) beziehen und Szenen aus dem Kinderzimmer in bunte Klangbilder verwandeln, waren wie geschaffen, um die Fähigkeiten der Musiker noch einmal zur Entfaltung zu bringen und um die Vielseitigkeit dieser Sextettbesetzung vor Augen zu führen.

Ob mit ruhiger, gesanglicher Klarinettenmelodie im ersten Satz „Wie langweilig, was könnte ich mir ausdenken?!“ oder mit stampfenden Cello-Klängen in der Miniatur „Elefant“ - jedes Element des Zyklus’ gelang im glänzenden Zusammenspiel. Verwies zwar bereits der Titel eines jeden Satzes auf seinen musikalischen Inhalt („hüpfende“ Klänge bildeten den Satz „Hüpfen mit ausgestreckter Zunge“, zwitschernde Töne symbolisierten das „Vögelchen“), so ließen überraschende Wendungen und der (nicht nur in den Kompositionen, sondern auch bei den Akteuren) deutlich mitschwingende Humor das Werk zu einer Glanzleistung werden.

Ein Höhepunkt war auch Dvoráks Klavierquintett op. 81 in A-Dur, eine Musik so voll Leidenschaft, dass sie jeden mitreißt und auch in den zahlreichen filigranen, kunstvoll auskomponierten Soli in ihren Bann zieht. Mit einem elegant gespielten Cellosolo eröffnete Grin den ersten Satz, bevor Bottiglieri virtuos das Violinsolo zu Gehör brachte. Im anschließenden wilden Tutti übernahm erstmalig Aner am Klavier die Führung und beeindruckte mit sauberer Spielweise. Spannungsgeladen gelang auch das Andante. Das ausdrucksstarke Quartett ließ dabei weder die leisen Tönen an Intensität verlieren, noch scheuten die Musiker ein Fortissimo.

Die technisch besonders anspruchsvollen Passagen des Scherzo meisterten sie mit Bravour, lebhaft kündigte die Eröffnung des Finalsatzes anschließend von einem Schlusssatz, den das Quintett gefühlvoll zum Ende führte.


Die Gießener Allgemeine Zeitung schreibt...

Stärkstes Konzert der Reihe

Quatuor Terpsycordes und das Duo Brillaner spielten beim Winterkonzert im Konzertsaal des Rathauses

 Das Genfer »Quatuor Terpsycordes« - Girolamo Bottiglieri (1. Violine), Raya Raytcheva (2. Violine), Caroline Haas (Viola) und Francois Grin (Cello) - sowie die Klarinettistin Shirley Brill und der Pianist Jonathan Aner verfügten beim Winterkonzert am Montag im Rathaus über sonst eher rare Qualitäten: Sie vermochten die Hörer mal in Staunen zu versetzen, dann deren Fantasie zu beflügeln, während sie sie in geheimnisvolle Musikwelten entführten. So barg die magisch-beschwörende Klarinettenmelodie in Sergei Prokofjews »Ouvertüre über hebräische Themen« op. 34 (1919) besonderen Reiz. Die Streicher griffen das Thema auf, und die Komposition steigerte sich dynamisch in zwei Schüben, ehe ein lyrischer Mittelteil mit klanglich schwebender Klavierbegleitung einsetzte. Die stimmungsintensive Interpretation begeisterte restlos; das Ensemble hielt perfekt Balance und bestach durch transparente räumliche Staffelung der Instrumente. Vom Grundprinzip her vergleichbar mit Robert Schumanns »Kinderszenen« op. 15, betrachtet Joseph Achron in seiner 1923 komponierten »Kindersuite« op. 57 die Sphäre der Heranwachsenden aus der Perspektive eines älteren Menschen; dementsprechend wird von den Ausführenden künstlerische Reife vorausgesetzt. Das Sextett präsentierte den Hörern in den zwanzig Miniaturen einen höchst vielfältigen Mikrokosmos. Im Eröffnungsstück »Wie langweilig, was könnte ich mir ausdenken?!« trafen die Musiker einfühlsam die ruhige, entspannte, leicht melancholisch wirkende Monotonie. Von kecker, witziger Art war die folgende Nummer »Hüpfen mit ausgestreckter Zunge«. In »Auf dem Steckenpferd« fing das Ensemble den entschiedenen Charakter des forschen Themas ein, während in »Der Kleine macht sich wichtig« die Tonstärke quasi in gleichem Maße anschwoll wie die Brust des Jungen, den man sich vor Augen malte. Gut zu spüren war in »Pferdchen ist müde«, wie sich bleierne Schwere in den Gliedern des Einhufers breit macht. Rasche, virtuos gemeisterte ostinate Klavierfigurationen verklanglichten in »Kreisel« die Drehbewegung dieses Spielzeugs. Auch im »Marsch der Spielzeuge« konnte man sich die Szenerie genau vorstellen. Fahle Flageolettklänge der Streicher und verspielte, mit Trillern versehene Klaviermotive erinnerten in der zwölften Nummer an zarte Vögelchen. Der bedrückende Schmerz in »Über einem zerbrochenen Spielzeug« löste sich beim anschließenden Porträt eines Affen im Nu in nichts auf. »Seifenblasen« rief das Bild eines verträumten Kindes hervor; wenig später nahm in »Karawane« die orientalische Atmosphäre gefangen. Der Zyklus endete mit der Nummer »Zug mit Geschenken«, die dank der anschaulichen Interpretation des Ensembles die Vorstellung eines in Anbetracht der prächtigen Bescherung vor Freude strahlenden Kindes weckte. Dass das Konzert zu den stärksten seit Bestehen der Reihe zählte, wurde endgültig nach der Pause in Antonin Dvoráks Klavierquintett A-Dur op. 81 deutlich. Mit facettenreichem Ausdruck und packenden thematischen Kontrasten trug das Ensemble den Allegro-Kopfsatz vor; voller Wildheit die Höhepunkte, furios die Stretta. Betörend mutete der klangliche Schmelz an, den Aner im zweiten Satz - einer Dumka - dem Flügel entlockte; fein nuanciert gerieten die Streichermelodien. Ungemein subtile lyrische Dimensionen hielten im klanglich fragilen Mittelteil in Atem. Im Scherzo brachten die Musiker die folkloristisch geprägte tänzerische Leichtigkeit vollendet zur Geltung. Auch im Allegro-Finale schlug der geistige Funke in der vitalen Darbietung des Ensembles direkt auf die Hörer über. Dem frenetischen Beifall folgten zwei Zugaben.

Sascha Jouini