Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Der Gießener Anzeiger schreibt...

Romantischen Ausdruck auf Spitze getrieben

16.11.2010 - GIESSEN

Konzert der Extraklasse mit Enigma-Trio

Enigma Trio

(sue). Sehr (spät-)romantisch wurde es am Sonntagabend beim 3. Winterkonzert des Vereins Gießener Meisterkonzerte mit Beethovens Klaviertrio in einem Satz und den Klaviertrios Nr. 2 von Schumann und Nr. 1 von Brahms. Vom Enigma-Trio in kunstvoller Weise interpretiert, wurde jedes einzelne Werk, das im Kulturrathaus zu hören war, zu einem musikalischen Hochgenuss.

Ob es die inzwischen immer früher eintretende Dunkelheit war, die die große Zahl an Zuhörern in den Konzertsaal lockte, oder der vortreffliche Ruf des Klaviertrios „Enigma“ muss nicht näher geklärt werden. Entscheidend ist doch, dass sich selbst die weiteste Anreise gelohnt hatte und dass die zahlreichen Besucher mit Begeisterung auf dieses Konzert der Extraklasse reagierten.

Bereits die Eröffnung mit Beethovens kurzem, aber unterhaltsamen Klaviertrio in B-Dur ließ aufhorchen. Denn das, was der kurzfristig für Konstanze Felber eingesprungene Violinist Zohar Lerner gemeinsam mit seinen Mitspielern Gabriel Faur (Violoncello) und Maciej Szyrner (Klavier) zu Gehör brachte, war mehr als nur eine musikalische Einleitung in die anschließenden „großen“ Trios. Auch wenn das Werk, das Beethoven für die erst zehnjährige Maximiliane Brentano als „Aufmunterung zum Klavierspielen“ schrieb auf die Fähigkeiten des Mädchens am Klavier zugeschnitten sind und deshalb alles andere als hochkomplex ist, so ging dennoch von der gelungenen Interpretation ein melodischer Zauber von ihm aus. Mit weichem und perlendem Klang interpretierte Szyrner die Pianosimme und führte das Trio durch ein harmonisch fließendes Werk.

Von da an steigerte sich das Ensemble in Ausdruckskraft und dynamischer Ausgestaltung bis zum großartigen Finale des Brahms-Trios, ja sogar darüber hinaus bis in eine wahrhaft fulminante Zugabe hinein („Spielen wir eine Oper von Rossini“ von Rodion Schtschedrin). Dominierte im ersten Satz des Schumann-Trios noch ein wenig kontrastreicher Gesamtklang, bei dem der tiefe Klang des Cellos und der eher dumpfe des Flügels sich dem einfühlsamen Violinklang als sanfter Klangteppich zugrunde legten, so blieb der Tonus zwar deutlich romantisch, wurde jedoch differenzierter. Der zweite Satz, für den Schumann einen Dialog zwischen Cello und Violine wählte, verwies das Klavier zum ersten Mal deutlich in die zweite Reihe. Zunächst ausschließlich auf Tonrepititionen reduziert, begleitete es die Zwiesprache der Streicher, die den romantischen Ausdruck immer mehr auf die Spitze trieben.

Mit wachsender Leidenschaft, bestechender Melancholie und viel Vibrato erblühte das gesangliche Duett in bunter Farbenpracht und erfüllte damit völlig die Spielanweisungen Schumanns, der für diesen Satz „mit innigem Ausdruck“ notierte. Behutsam und dennoch nicht zu zurückhaltend, sondern mit Gespür für die passende Dramatik und die Intensität entfalteten sie virtuos den Finalsatz. An Ausdruckskraft und Perfektion kaum noch zu überbieten war schließlich die Interpretation des Brahms’schen Werkes. Schwelgend eröffnete Szyrner den ersten Satz, in den Faur darauf mit einem formidablen Cello-Solo einstieg. Den jugendlich-überschwänglichen Charakter des Werkes, der vor allem in dem häufigen Wechsel zwischen ausgesprochen sanften und expressiven Passagen seinen Ausdruck findet, spielte das Trio mit noch mehr Ausdruck und Herzblut als die vorangegangenen Werke. Vor allem das rhythmisch prägnante Scherzo, das im perfekten Timing und mit gelungener Akzentsetzung zu Gehör gebracht wurde, wurde zu einem Hörgenuss. Auch der Finalsatz bestach durch seinen energisch vorwärtstreibenden, punktierten Rhythmus, der vom leisesten Pianissimo bis hin zu den energischen Sforzato-Ausbrüchen von den Instrumentalisten mit virtuosen Höchstleistungen zum Ausdruck gebracht wurde und stürmischen Applaus nach sich zog.

Die Gießener Allgemeine Zeitung schreibt...

Pianist und Streicher spielen mit viel Herzblut

 Enigma-Trio tritt in abgeänderter Besetzung beim Winterkonzert auf und begeistert die zahlreichen Zuhörer

Eines regen Publikumszuspruchs erfreute sich das dritte Winterkonzert im Enigma-TrioRathaus mit dem Enigma-Trio. Dass Violinist Zohar Lerner für Konstanze Felber eingesprungen war, schien kein Manko; vielmehr wirkten die Interpretationen durchaus harmonisch. Lerner, Gabriel Faur (Cello) und Maciej Szyrner (Klavier) trugen das gefällige, fast ein wenig triviale Hauptthema des Trios B-Dur in einem Satz von Ludwig van Beethoven recht ansprechend vor, zeigten in welch kunstvolle Form es der Komponist gebracht hat. Das Ensemble gefiel mit leuchtender, gut ausbalancierter Tongebung. Das Stück zählt gewiss nicht zu den anspruchsvollsten Kammermusikwerken und gab dem Trio gewissermaßen Gelegenheit, sich einzuspielen für die kniffligeren Stücke, die folgten.

Mit kräftigem, geballtem Ausdrucksgestus boten die Musiker den Kopfsatz des Trios Nr. 2 op. 80 von Robert Schumann dar. Den lyrischen Gedanken intonierte der Violinist überaus sensibel, dann griffen ihn der Cellist und Pianist auf. Durchsichtig gerieten die kontrapunktischen Passagen, nur die Steigerungen und Entwicklungen hätten sich mitunter noch differenzierter zur Geltung bringen lassen. Intim, doch ohne falsche Sentimentalität, vielmehr mit »ehrlichem« Ausdruck spielte das Ensemble den zweiten Satz. Dabei hätten die Musiker indes die klangsinnlichen Momente ein wenig stärker auskosten können. In behutsamem, leicht schleppendem Tempo, wieder ohne Effekthascherei trugen sie den dritten Satz vor, betonten dabei den fragenden Ausdruckscharakter der Melodie. Lebendig, mit kräftigen Höhepunkten gestalteten sie das Finale.

Bei Johannes Brahms'Trio Nr. 1 op. 8 war noch eine deutliche Steigerung spürbar. Mit viel Herzblut spielten die Streicher im eröffnenden Allegro die schwärmerischen Kantilenen; die Interpretation offenbarte das letzte Quäntchen an Persönlichkeit, das man bei Schumann zuweilen misste. Klanglich trocken tupfte das Ensemble die nervöse Anfangsmotivik des Scherzos hin. Atemberaubend, in welch turbulente, aufwühlende Passagen die Musik dann hinführte; davon hob sich der kantable Mittelteil ab. Beim Adagio zeigte das Ensemble feines Gespür für das besinnliche Moment, fühlte sich intensiv in die zarte, menschliche Wärme vermittelnde musikalische Poesie ein. Dynamisch kontrastreich, mal vornehm zurückhaltend, dann opulent kam das Allegro-Finale daher. Für den lang anhaltenden Beifall dankte das Ensemble mit einer virtuosen, humorvollen Opern-Paraphrase von Rodion Shchedrin nach Rossini.

Sascha Jouini