Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Kritik der Gießener Allgmeinen Zeitung

Gießener Allgemeine, 9.11.2011

Feinschliff und Spielfreude ohne Abstriche

Quadriga-Posaunenquartett sorgt für ein bereicherndes Erlebnis in der Reihe der Winterkonzerte

Mit einer eher ungewöhnlichen Besetzung demonstrierte der veranstaltende Meisterkonzerte-Verein am Montag die musikalische Vielfalt der Winterkonzertreihe. Hinzu kam, dass mit dem Quadriga Posaunenquartett exzellente Musiker gewonnen werden konnten. AQuadrigarchaischer Charme erfüllte den Rathaussaal, als Jan Böhme, Martin Zuckschwerdt, Carsten Luz und Holger Pfeuffer die eröffnende Fanfare von Jean-Joseph Mouret darboten. Den hohen Erwartungen, die sie hier weckten, hielten sie im weiteren Verlauf des Programms stand. Nuanciert brachten sie den ersten Satz der Suite von Antoine Francisque zu Gehör. Im dritten Satz entlockten sie den Instrumenten bei den Phrasenwiederholungen feine dynamische Abstufungen, während im fünften Satz der gute rhythmische Fluss und die klangliche Brillanz gefielen.

Danach führte das Ensemble die Hörer vom Barock musikgeschichtlich noch weiter zurück in die Renaissance bei Josquin des Prés' Motette „Tu solus, qui facis mirabilia“. Die langsame, choralartige Passage zu Beginn spielte es angemessen ruhig, mit langem Atem; wenig später verdichtete sich die Bewegung. Wie die Komposition Schlichtheit mit klanglichem Facettenreichtum vereint, vermochte dank der ausgefeilten Interpretation stark zu faszinieren. Aus den vier Madrigalen von John Dowland seien hier nur zwei genannt: In „Go crystal tears“ beeindruckten die weiche, bewegliche Intonation und die anmutige harmonische Farbpalette, ebenso faszinierend geriet „What if I never speed?“ dank der prägnanten, genau gewichteten rhythmischen Gestaltung. 

Bei den „Französischen Tänzen“ von Michael Praetorius zauberte das Ensemble gekonnt Ballatmosphäre herbei. Recht deutlich, wieder mit behutsam austarierter Akzentuierung gelangen etwa die Courante und Bourrée. Bei der Bearbeitung der Orgelfuge d-Moll BWV 913 von Johann Sebastian Bach leuchtete die Transparenz der Interpretation ein: Man hörte die Themeneinsätze und die polyphonen Kunstgriffe klar heraus. So kam die Selbstständigkeit der Stimmen ideal zur Geltung, die sich zugleich zu einem streng gebauten Geflecht fügten.

Für ein bereicherndes Erlebnis sorgte auch Henri Tomasis modernes Stück „Sein oder Nichtsein“, bei dem sich der französische Komponist mit Shakespeares Drama „Hamlet“ auseinandergesetzt hat. Die drei Tenorposaunen schienen die Monologe der auf der gegenüberliegenden Seite der Bühne platzierten Bassposaune zu kommentieren. Da das Ensemble inspiriert interagierte, trat dieser Effekt besonders stark zu Tage. Danach bedienten drei Stücke von Jacques Offenbach das Bedürfnis nach heiterer, philosophisch unbelasteter Unterhaltung. Auch hier ließ das Quartett an Feinschliff und Spiellaune keine Wünsche offen. Kaum strapaziös ging es mit brasilianischen Traditionals weiter, die mal gefühlvoll, dann tänzerisch beschwingt oder melodisch eingängig wirkten. Marc Rolands Liebeslied „Marie, Marie“ bildete einen vorzüglich passenden unbeschwerten Ausklang und gab noch einmal Gelegenheit, sich vom raffinierten, im Detail stimmigen Vortrag des Ensembles gefangen nehmen zu lassen. Herzlichem Beifall folgte eine schwelgerische Zugabe. 

Sascha Jouini


Gießener Anzeiger 09.11.2011

„Quadriga Posaunenquartett“ demonstriert virtuose vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten des Instruments

09.11.2011 - GIESSEN

Von Susanne Engelbach

Auf eine musikalische Zeitreise, die in der europäischen Renaissance begann und beim deutschen Schlager des 20. Jahrhunderts endete, nahm das „Quadriga Posaunenquartett“ die Zuhörer auf Einladung des Vereins der Gießener Meisterkonzerte am Montagabend mit. Eindrucksvoll boten die Musiker im Konzertsaal ein vielseitiges Klangspektrum ihrer Instrumente und ließen dabei auch moderne Kompositionen sowie brasilianische Volksmusik erklingen.

Quadriga Quartett Die musikalische Quadriga, bestehend aus Carsten Luz, Martin Zuckschwerdt, Holger Pfeuffer und Jan Böhme, galoppierte bei ihrem kurzweiligen Auftritt geradezu durch die Jahrhunderte und stellte dabei eine Reihe von Arrangements und Kompositionen für Posaunenquartett vor, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein könnten. Die ungewöhnliche Auswahl vermittelte den Anwesenden einen umfassenden Eindruck der musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten des Blasinstruments, das sonst vor allem im Orchester den Höhepunkten den nötigen Glanz verleiht.

Erklärend und humorvoll führte Zuckschwerdt durch das Programm, das einige vergnügliche Überraschungen bereit hielt. Mit Nachbauten von Originalinstrumenten dieser Renaissancezeit ausgerüstet zeigte die Besetzung aus Bass-, Tenor- und zwei Altposaunen in den fünf ursprünglich von Antoine Françisque für Laute geschriebenen Sätzen von „Le Trésor d’Orphée“, dass einer Posaune neben den bekannten heroischen Klängen auch träumerische und säuselnde Töne zu entlocken sind. Wer trotzdem noch nicht von der Sanglichkeit der Blechbläser überzeugt war, wurde in der Motette „Tu solus, qui facis mirabilia“ von Josquin des Préz und vier Madrigalen aus den drei „Books of Songs or Ayres“ von John Dowland eines Besseren belehrt. Mal griffen die Musiker in ihrer Interpretation der Gesangsstimmen auf einen lieblichen Tonfall zurück, mal posaunten sie die lyrischen Melodien im wahrsten Sinne heraus - stets blieb der Klang dabei jedoch dynamisch und exakt polyphon abgestimmt.

Tänzerische Leichtigkeit und Lebenslust bestimmte die französischen Tänze aus Michael Praetorius’ Sammlung „Terpsichore“, die die Musiker zusätzlich mit an den Füßen montierten Schellen rhythmisch unterstützten. Bevor sich das Quartett mit drei Stücken von Jaques Offenbach, bei denen der bekannte „Cancan“ natürlich nicht fehlen durfte, erneut der schwungvollen und heiteren Musik zuwandte, reichte es sich in einem Arrangement der Orgelfuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach gekonnt die Themeneinsätze zu. Nun auf modernen Instrumenten gespielt, wurde das kunstvoll ausgestaltete mehrstimmige Geflecht zu einem Höhepunkt des Konzertabends, ebenso wie die folgende Komposion „Être ou ne pas être - To be or not to be“ von Henri Tomasi, das ein Jahrzehnt vor seinem Tod 1971 entstand. Getragen wurde das als Posaunenquartett komponierte Werk durch den Monolog der Bassposaune, deren Äußerungen von den drei Tenorposaunen fortwährend kommentiert wurde.

Intensive Spannung zeichnete sich von Anfang an durch die hochkonzentrierte und intensive Spielweise des Solisten Böhme ab, der auf seinem Instrument gekonnt die Zerrissenheit und den inneren Zweifel zum Ausdruck brachte, nur um immer wieder von den Tenören unterbrochen zu werden. Doch auch ein energisches Unisono der höheren Bläser ließ den Bass in seiner Hin- und Hergerissenheit verbleiben, bis das Quartett die klangvollen und außerhalb des tonalen Raums liegenden Klänge zu einem bedeutungsvollen Ende führte. Oberflächlich mussten nach einem solchen Tiefgang die vier brasilianischen Volkslieder wirken, denen es zudem am besetzungsbedingtem südamerikanischen Flair und Temperament mangelte. Für den anhaltenden Applaus bedankten sich die Musiker mit einem „Ohrwurm für zu Hause“, dem durch Louis Armstrong bekannt gewordenen „Wonderful world“.

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