Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine Zeitung, 27.10.2011

Mustergültig klare Konzeption mit Finesse

Chagall-Streichquartett eröffnet die diesjährige Winterkonzertsaison - Mozart hätte seine helle Freude gehabt

Chagall-QuartettSchon Ende des 18. Jahrhunderts verstand es die Musikbranche, Produkte geschickt anzupreisen. So warb Verleger Artaria kurz nach Mozarts Tod im Dezember 1791 in der »Wiener Zeitung« für »drei ganz neue konzertante Quartette«, die zu den »schätzbarsten Werke[n] des der Welt zu früh entrissenen Tonkünstlers« zählten. Nun sei dahingestellt, ob Mozart sich stilistisch noch weiterentwickelt hätte, wäre ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen, doch waren die Quartette, wie längst bekannt, nicht mehr brandneu; ihrem künstlerischen Reiz tut dies keinen Abbruch. Das Erste (KV 575) etwa entstand bereits im Juni 1789.
Gewiss hätte der Wiener Klassiker am Dienstag beim ersten Winterkonzert im Rathaussaal mit dem Chagall-Quartett seine helle Freude gehabt. Stefan Hempel (1. Violine), Holger Wangerin (2. Violine), Max Schmiz (Viola) und Jan Ickert (Cello) widmeten sich der D-Dur-Komposition mit mustergültig klarer, notengetreuer Konzeption. Den Beginn des Allegretto-Kopfsatzes spielten sie dynamisch sehr behutsam, mit filigranem Klangbild. Umso stärker kamen die Crescendi zur Geltung. Die geistig wache, zugleich sinnlich fesselnde Interpretation begeisterte restlos, nicht zuletzt dank detailreicher Artikulation der abwechselnd solistisch hervortretenden Stimmen. Auf harmonischen Ausdruck achtete das 2002 an der Musikhochschule »Hanns Eisler« in Berlin gegründete Ensemble im Andante, während es im Menuett schroffe, genau dosierte Akzente setzte. Durchweg schimmerte der rote Faden durch, merkte man den jungen Musikern analytische Scharfsicht an. Das Finale rundete den hervorragenden Eindruck ab.
Besonderes Interesse des Ensembles gilt der Neuen Musik. Dies untermauerte es in Anton Weberns miniaturhaften »Fünf Sätzen« op. 5 (1909). Im ersten Satz unterstrich es die Exzentrik des Hauptthemas und stellte die fahlen Klänge des zweiten Themas in wirkungsvollen Kontrast. Eine höchst spannende Deutung, die den kühnen Aufbau des Werkes so frisch erscheinen ließ, als wäre es eben erst komponiert worden. Sehr poetisch trug das Quartett den elegischen zweiten Satz vor. Demgegenüber war die Musik im raschen dritten Satz durch eine konflikthafte Steigerung gekennzeichnet. In den letzten beiden Stücken lotete das Ensemble feinfühlig die Grenze zwischen dem kaum mehr Hörbaren und der Stille aus und förderte die klangliche Komplexität akkurat zutage.
Als Antonin Dvorák 1887 sein Klavierquintett A-Dur op. 81 schrieb, hatte er noch mehr als eineinhalb Jahrzehnte seines Lebens vor sich. Anders als bei Mozart ist hier nichts von der Last zu spüren, den eigenen Ansprüchen zu genügen, vielmehr nimmt Dvorák unbefangen Ausdruckselemente früherer Werke auf. Die eröffnende Cellokantilene über flächigen Klavierakkorden meisterte Jan Ickert überaus expressiv. Kraftvoll gelang die Tutti-Passage. Pianist Bernd Ickert hielt vorzüglich klangliche Balance mit den Streichern und blieb dort, wo angebracht, vornehm in Hintergrund. Die leidenschaftlich beseelte Interpretation ließ keine Wünsche offen. In der Dumka brachte er sein Instrument noch ein wenig mehr zum Leuchten und verlieh der Musik gemeinsam mit dem Quartett starke Sogwirkung. Im Furiant bekam das Ensemble Gelegenheit, virtuos aufzutrumpfen. Dem stand das Allegro-Finale an Temperament nicht nach. Ausgezeichnet, wie die Musiker in der ruhigen Passage gegen Ende die Energie stauten, um dann zu einer furiosen Schlussbewegung auszuholen. Für den lang anhaltenden Beifall dankten sie mit einer Zugabe von Johannes Brahms.

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Gießener Anzeiger vom 27.10.2011

Einstiges Skandalwerk als Hörgenuss

Von Christopher Pramstaller

Jugend forsch: Chagall-Quartett gibt beim ersten Winterkonzert begeisternde Vorstellung

Satter Bogeneinsatz bei Mozart und Dvorak und ein Webern‘sches Streichquartett als wahrer Hörgenuss. Beim ersten Winterkonzert im Gießener Rathaus präsentierte das junge Chagall-Quartett eine begeisternde Vorstellung.

„Ich habe jetzt damit zu tun, dieses Unbestimmbare, Grauenhafte aus meinen Gedanken zu entfernen“, schrieb der 25-jährige Anton von Webern wenige Tage nach der skandalumwitterten Uraufführung an seinen verehrter Lehrer Arnold Schönberg. Als Schönbergs bahnbrechendes Streichquartett Nr. 2 fis-Moll op. 10 am 21. Dezember 1908 zum ersten Mal im Wiener Bösendorfsaal aufgeführt wurde, warJan Ickert es zunächst zu heftigsten Wortgefechten zwischen Neudeutschen und Avantgardisten gekommen. Später, nach tumultartigen Szenen, musste das Konzert abgebrochen werden. 

Aufgewühlt und inspiriert zugleich begann Webern in den Folgemonaten selbst mit der Komposition eines Streichquartetts, den Fünf Sätzen für Streichquartett op. 5, und machte sich auf die Suche nach freier Tonsprache, Individualisierung der Form und Erweiterung der Klangmöglichkeiten des Streichquartetts. Dass Webern bei vielen Zuhörern auch heute noch für Erleichterung sorgt, wenn die letzten Takte verklungen sind, war auch den Musikern des Berliner Chagall-Quartetts bewusst, die am Dienstagabend im Konzertsaal des Rathauses die Winterkonzertsaison der Gießener Meisterkonzerte eröffneten. Doch das Quartett, das recht rumplig mit Mozarts Streichquartett KV 575 D-Dur gestartet war und den Abend mit Antonin Dvoraks Klavierquintett op.81 A-Dur und dem Scherzo aus Brahms Klavierquintett op.34 kraftvoll beenden sollte, machte in Weberns op. 5 mehr als deutlich, dass es kein Zufall ist, dass sie schon vor Jahren beim Joseph-Joachim-Kammermusikwettbewerb in Weimar für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werkes ausgezeichnet wurden.

Die expressive Fragilität der Webern‘schen Musik, die nur allzu leicht in ihre Einzelteile zerfällt und ihn zur Qual werden lassen kann, wenn ein Quartett die nötige Stimmigkeit des Gesamtklangs erreicht, präsentierten die vier jungen Musiker mit außergewöhnlicher Klarheit und Brillanz.

Nur so, wie das Chagall-Quartett spielte, lassen sich die kaleidoskopischen Miniaturen in ihrer Struktur wahrnehmen, die gestische so differenziert ausgestaltet und von subtiler Klangfarbenkomposition geprägt sind. Sicher und durchdacht, in allen klanglichen Facetten ausgereift, machten die vier Berliner Musiker Webern zu einem wahren Hörgenuss.

Webern, der sein Streichquartett im Jahr 1909 fertiggestellt hatte, ging es im Übrigen nicht viel anders als Schönberg.

Auch im Fall von Weberns Opus 5 blieb der Skandal nicht aus. Er ereignete sich bei einer Aufführung des Werkes durch das Amar-Quartett am 8. August 1922 in Salzburg. Nach Zwischenrufen und einer zehnminütigen Beifallsschlacht, musste auch hier abgebrochen werden.

Rückblickend schrieb Anton von Webern zehn Jahre später: „Die Zeit war einfach reif für das Verschwinden der Tonalität.“