Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Ein Wunder an poetischer Genauigkeit

07.12.2012 - GIESSEN

Von Reinhard Fiedler

Pianist Bernd Ickert verzaubert Gießener Publikum

Im Rahmen der Winterkonzerte fand im Konzertsaal des neuen Rathauses ein Klavierabend des Pianisten Bernd Ickert, der an der Frankfurter Musikhochschule lehrt, statt. Auf dem Programm standen Werke von Joseph Haydn, Jens Josef, Johannes Brahms und Wolfgang Amadeus Mozart. Der Pianist spielte alle Kompositionen mit poetischer Präzision und entfaltete einen Reichtum an Anschlagsnuancen und Klangfarben.

Der Abend begann mit Haydns 49. Klaviersonate Es-Dur. Der erste Satz in einer modifizierten Sonatenform ist ansatzweise monothematisch: Beide Themen sind anfänglich gleich, jedoch erfährt das zweite Thema eine andere Fortsetzung. Diese strukturellen Eigenarten stellte Ickert ebenso deutlich heraus wie er auch Haydns Feuerwerk an zündenden Ideen gekonnt in Klang umsetzte. Zentrum des Werkes ist der langsame Satz mit seiner graziösen großbogigen Melodie. Diese Melodie mit ihren variativen Umgestaltungen prägt den Satz. Der Pianist interpretierte den Satz mit dynamischer Differenzierung und ließ die Melodie sich aussingen. Das Finale ist ein Menuett mit Ansätzen zu einer Rondoform.

Jens Josef (geb.1967) schuf mit dem Zyklus „Erinnerungen“ 2011 sein erstes Klavierwerk, das Ickert in Gießen uraufführte. Das Stück besteht aus sieben Abschnitten mit quasi programmatischen Überschriften. Stilistisch verbinden sich bitonale Abschnitte, quasi impressionistische Züge und eine gelegentliche Messiaen-Nähe zu einer eigenwilligen Synthese, die Traditionelles und Modernes gleichermaßen umspannt. Bitonale Akkorde, Cluster und Glissandi ergaben ein spannungsvolles Klangbild. Ickert musizierte klangschön und erwies sich den erheblichen spieltechnischen Anforderungen in jeder Hinsicht gewachsen.

Die „Variationen über ein eigenes Thema op.21/1“ von Johannes Brahms vereinen kontrapunktische Kunststücke mit tiefem Ausdruck. Der Zyklus ist auf die 10. Variation zulaufend angelegt und klingt in der 11. Variation lyrisch aus.

Nach der Pause ertönten noch Mozarts c-Moll Fantasie und c-Moll Klaviersonate KV 457. Die Fantasie vereint improvisatorische Passagen mit solchen, die streng motivisch-thematisch gearbeitet sind. Im Kopfsatz der Sonate stach besonders die Reprise hervor, weil Mozart in ihr das Durseitenthema nach Moll transponiert. Im Mittelpunkt steht das wundervolle Adagio mit seiner schönen Melodie. Ickert modellierte die Melodie auch in ihren variativen Umgestaltungen klangschön und sensibel heraus. Das Finale spielte der Pianist zupackend und leidenschaftlich.

Das zahlreiche Publikum dankte mit lebhaftem Applaus und erklatschte sich als Zugabe Schuberts Scherzo B-Dur.


Getragen von besonnener Milde

Gießener Allgemeine, 7.12.2012

Bernd Ickert gestaltet das dritte Winterkonzert der Saison - "Erinnerungen" von Jens Josef uraufgeführt

Ein anspruchsvolles Programm hatte Pianist Prof. Bernd Ickert für das dritte Winterkonzert im sehr gut besuchten Rathaus zusammengestellt. Viele gute Ansätze barg eingangs seine Interpretation der Sonate Es-Dur Hob. XV/49 von Joseph Haydn. Im Allegro-Kopfsatz gefiel, wie Ickert durch leichte Verzögerungen für agogische Beweglichkeit sorgte. Er spielte mit weichem, rundem Anschlag. Sein Vortrag drängte sich nicht auf, war vielmehr durch Transparenz und Eleganz gekennzeichnet. Sehr schön ließ Ickert in den ersten Takten der Durchführung die Liegetöne hervorschimmern. Ziemlich ruhig, nicht zu schnell im Tempo wirkte die Interpretation. Die Kehrseite: Vom jugendlichen Überschwang, der dem munteren Terzmotiv und den kühn aufsteigenden Tonleitern an sich eigen ist, war nichts zu spüren. Außerdem hätte Ickert mehr orchestrale Farben herausarbeiten können, erinnert der Satz in Aufbau und Charakter doch deutlich an eine Sinfonie. Überdies irritierten einzelne Fehler.

Das Adagio wünschte man sich etwas dynamischer, mit blühenderer Intonation gestaltet. Das Geheimnisvolle im Moll-Mittelteil hätte Ickert noch mehr auskosten können. Auch das Finale kam dynamisch ein Spur zu flach daher. Am meisten überzeugte hier die Wendung nach Moll, bei der das unbeschwerte Menuett-Thema mit einem Mal ganz intime, sehnsuchtsvolle Züge annahm.

Als Uraufführung war die siebensätzige Komposition „Erinnerungen“ von Jens Josef (geb. 1967) zu erleben. In der zweiten Nummer förderte der Pianist die komplexe, von punktuellen Ereignissen geprägte Struktur deutlich zu Tage. Besonders reizvoll schien das folgende Stück, „Träume am Nebelfenster“, mit der trübsinnigen Stimmung. „In der großen Welle“ traten raumgreifende Glissandi hervor, denen in sich kreisende Figuration gegenüberstanden; zur Bereicherung trugen Obertoneffekte und extreme Intervallspannungen zwischen Diskant- und Basslage bei. In der letzten Nummer tat sich ein heftiger Kontrast auf zwischen geballten Clustern und zurückgenommenen Klängen, ehe die Musik allmählich erlosch.

Am interessantesten interpretierte Ickert Johannes Brahms' „Variationen über ein eigenes Thema“ op. 21 Nr. 1. Die Variationen gerieten sehr ansprechend, verführten zum Schwelgen. Raffiniert tauchte Ickert das Thema in immer neues Licht und übte sich – wie schon bei Haydn – in dynamischer Dezenz. Es ergab sich ein scheinbar unendlicher Strom der musikalischen Gedanken – bis zum kontemplativen, tiefgründig dargebotenen Schlussteil.

Vergebens hoffte man nach der Pause bei Wolfgang Amadeus Mozart, Ickert möge mehr aus sich herausgehen. Schon zu Beginn der Fantasie c-Moll KV 475 erzeugte er zu wenig Spannung, ähnlich affektarm ging es weiter. Ickert spielte vorwiegend im Piano- und Mezzofortebereich, setzte kaum Akzente. Von der weiten Gefühlsbandbreite bis hin zu innerer Zerrissenheit, die Siegbert Rampe in seinem Werkkommentar beschreibt, blieb da wenig übrig. Was sich bei Haydn gezeigt hatte, bestätigte sich hier: Ickerts Spielweise ist jugendliches Feuer fremd, seine Perspektive ist getragen von besonnener Milde; beharrlich glättet er musikalische Konflikte.

Dies galt auch für die Sonate c-Moll KV 457, die vom Ausdruckscharakter an die Fantasie anknüpft: Den Ecksätzen mangelte es an Entschlossenheit und Temperament. Zwar recht differenziert in Artikulation und Phrasierung spielte er das Adagio, doch vermisste man auch hier emotionale Hingabe. Für den freundlichen Applaus dankte Ickert mit Schuberts Scherzo B-Dur als Zugabe.

Sascha Jouini