Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.


Gießener Allgemeine vom 6.10.2012

Jeder Ton wie mit Diamant geschliffen

von Sascha Jouini

Saisonauftakt der Winterkonzerte wird mit dem Artis Piano Quartet zu einem ganz besonderen Erlebnis

ArtisDass der Saisonauftakt der vom Meisterkonzerteverein veranstalteten Winterkonzerte mit dem Artis Piano Quartet im Rathaus ein besonderes Erlebnis werden sollte, davon gab bereits die Grave-Einleitung zu Ludwig van Beethovens Klavierquartett Es-Dur op. 16 eine Vorahnung. Ganz verhalten im Ausdruck, mit dezenter, sich allmählich belebender Dynamik spielten sie Stefan Bornscheuer (Violine), Paul Pesthy (Viola), Marin Smesnoi (Cello) und Hiroko Atsumi (Klavier) und vermochten hier raffiniert Aufmerksamkeit zu wecken, allmählich Spannung aufzubauen. Das anschließende Allegro bot das Ensemble in elegant-leichter Bewegung dar, hielt dabei vorzüglich klangliche Balance. Die Interpretation zeugte von einer klaren Handschrift, ließ sich formal kaum anschaulicher vorstellen, so deutlich artikulierten und phrasierten die Musiker. Da wirkte jeder Ton, jede Melodiewendung äußerst transparent, wie mit dem Diamant geschliffen. Auch beim Andante schien die Komposition so detailreich wie durch eine akustische Lupe an den Hörer heranzutreten, ohne an emotionaler Tiefe einzubüßen. Die nuancierte Intonation und die weitläufige, ausgereifte Gestaltung verrieten Spielkunst auf höchstem Niveau. Der vitale, erfrischende Vortrag im Rondo-Finale rundete den hervorragenden Eindruck ab. Darin gefiel am meisten, wie fließend Übergänge gelangen und für den großen Bogen sorgten.

In völlig andere Ausdrucksdimensionen führte das Quartett Nr. 1 des Tschechen Bohuslav Martinu mit den impulsiven, bizarren und widerborstigen Momenten im Kopfsatz. Die durchsichtige Musizierweise behielt das Ensemble hier bei und führte klangliche Verdichtungen und Steigerungen prägnant vor Augen. Just in einer dramatischen Passage erzwangen Haarrisse leider einen Wechsel des Cellobogens. Es war nur konsequent, dem künstlerischen Anspruch angemessen, dass das Ensemble nach der Unterbrechung kurzerhand den kompletten ersten Satz wiederholte.

Auf herzergreifende Art luden die Streicher die Kantilenen im Adagio mit Schwermut auf. Das Klavier hätte die Wirkung kaum intensivieren können und trat erst relativ spät hinzu, um bei Läufen und Arpeggien gezielt Farbtupfer zu setzen. Gar nicht sparsam verwendet, sondern eng ins Geschehen eingebunden war das Tasteninstrument demgegenüber im Allegretto-Finale. Bei der akkordischen Begleitung vermochte die Pianistin die Streicher ausgezeichnet zu führen.

Ernste, düstere Stimmung erfüllte vom ersten Takt an im eröffnenden Allegro aus Johannes Brahms' Quartett c-Moll op. 60 den Saal. Die Interpretation erwies sich als dramaturgisch durchdacht - von zarten lyrischen Momenten bis hin zu geballten Höhepunkten. Der drängende motorische Impuls im Scherzo hätte sich kaum mitreißender zur Geltung bringen können; die Musiker zogen am gleichen Strang, leisteten sich keinerlei rhythmische Ungenauigkeiten. Danach gab das Andante ausgiebig Gelegenheit durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen durch die leidenschaftliche Cellomelodie, die die beiden übrigen Streicher inspiriert fortspannen. Einen gelungenen Abschluss bildete das Allegro-Finale dank der Souveränität des Ensembles, das hier die thematischen Fäden noch einmal genüsslich ausbreitete. Das Publikum erklatschte sich den langsamen Satz aus Antonin Dvoráks Quartett Es-Dur op. 87 als Zugabe.


Gießener Anzeiger vom 6.10.2012

Expressiver Martinu, leidenschaftlicher Brahms

Von Reinhard Fiedler

Fulminantes Gastspiel des „Artis Piano Quartet“

Zum Auftakt der Winterkonzerte hatte der Veranstalter ein hochkarätiges Ensemble eingeladen: das „Artis Piano Quartet“. Hiroko Atsumi (Klavier), Stefan Bornscheuer (Violine), Paul Pesthy (Viola) und Marin Smesnoi (Violoncello) spielten auf höchstem interpretatorischen Niveau mit einem homogenen Ensembleklang, der an poetischer Präzision nichts zu wünschen ließ.

Den Auftakt machte Ludwig van Beethovens Klavierquartett Es-Dur op.16, das sich an Vorbildern Mozarts orientiert. Schon das einleitende Grave ließ aufhorchen. In makelloser Intonation und klangvoller Phrasierung ertönte diese Introduktion, die nach Klinkhammer von der Aura des Geheimnisvollen umgeben ist. Das sich anschließende Allegro in Sonatenhauptsatzform verlegt die Ausdruckskontraste - bei zwei kantablen Hauptthemen - in die überleitenden Passagen. Das Quartett musizierte klangschön und mit Hingabe. Besonders gut gefiel das Spiel der Pianistin, die über eine breite Palette an Anschlagsnuancen verfügt. Der kantable langsame Satz, das Zentrum des Werkes, wies berückend-schöne Momente auf. Das Finale, eine muntere Mischung aus Sonatensatz und Kettenrondo. interpretierten die Musiker mit hoher Virtuosität und Spielfreude.

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu komponierte sein 1. Klavierquartett 1942. Das hochexpressive Werk steht an der Schwelle zur Atonalität, ohne diese jedoch zu überschreiten. Eine dichte Faktur verbindet sich in diesem Werk mit klanglich rauer, in den Ecksätzen auch tänzerischer Textur. Geschickte Gruppenwechsel, so das im langsamen Satz überwiegend schweigende Klavier, sorgten für einen Klangfarbenreichtum, der in dieser Gattung bis Martinu fast unerhört war. Der bacchantische Taumel im Finale verband sich mit feinen klanglichen Effekten zu großen Steigerungen, die den Satz als eine Art Apotheose des Tanzes kennzeichneten.

Abschließend ertönte noch das dritte Klavierquartett c-Moll op. 60 von Johannes Brahms. Das zerklüftete, leidenschaftliche Werk verdanken wir einer Lebenskrise des Komponisten. Das Werk trägt über weite Strecken orchestrale Züge, die das „Artis Piano Quartet“ klug herausarbeitete. Höhepunkt des Werkes und vielleicht sein einziger tröstlicher Moment war das Andante mit seiner meisterhaft gespielten, großbogigen Cellokantilene. Man weiß nicht, was man mehr loben soll: die leidenschaftliche Agitiertheit im Kopfsatz, die Cellokantilene im Andante oder die fulminante Steigerung im Finale. Die zahlreichen Zuhörer im Konzertsaal des Gießener Rathauses bedankten sich mit stürmischem Applaus und erhielten als Zugabe den langsamen Satz aus Dvoraks Klavierquartett op. 84.