Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Allzu unterkühltes Spiel

Gießener Allgemeine, 22.1.2014

Pianistin Young-Choon Park bleibt beim Winterkonzert hinter den Erwartungen zurück

Young-Choon ParkDas anspruchsvolle Programm der in Südkorea geborenen Pianistin Young-Choon Park ließ am Montag ein anregendes Winterkonzert erhoffen. Im gut besuchten Rathaussaal widmete sich die junge Künstlerin, die ihr Studium in New York und München absolviert hat, zunächst sieben kurzen Sonaten von Domenico Scarlatti und wartete hier mit einigen guten Ansätzen auf. So verlieh sie bei der a-Moll-Sonate K. 3 den absteigenden Linien magische Sogkraft in ihrer recht harmonischen Interpretation. Das spielerische Moment der verzierungsreichen Motivik brachte sie in einer weiteren a-Moll-Sonate (K. 7) überzeugend herüber. Negativ schien ihre etwas glatte, dynamisch kontrastarme Vortragsweise, zudem hätte die Gewichtung zwischen den Stimmlagen zuweilen feiner ausgewogen sein können. Insgesamt ging Park mit streng modernem Konzept zu Werke, leider mit zu wenig Gespür für artikulatorische Finessen und die Fragilität der Kompositionen. Am ehesten gefielen Passagen, in denen sie ihre Unterkühltheit ablegte und gefühlvoll spielte. Richtig überzeugen konnte ihre Gestaltung indes nicht: Schnelle Läufe etwa wirkten mitunter hektisch, auch mangelte es am Blick für größere Zusammenhänge stiftende Phrasierung und Agogik. Manchmal, wenn die Pianistin das rechte Pedal stärker einsetzte, wirkte ihr Spiel klanglich allzu breit, deutlich romantisierend. Tempoverzögerungen gingen gelegentlich ins Manieristische.
Ein ganz anderes Format zeigte Park bei Ludwig van Beethovens "Pathétique", der Sonate c-Moll op. 13 - sie steigerte sich hier um Klassen. Durch packende Fortissimi und stark gebremste Bewegung baute sie in der Grave-Einleitung gekonnt Spannung auf. Die entlud sich im virtuosen Allegro-Hauptsatz restlos. Die Musikerin reizte das klangliche Potenzial des Steinway-Flügels aus und fühlte sich inspiriert in den leidenschaftlichen, vehement drängenden Duktus ein. Sehr schön ließ sie die Melodie im Adagio aufblühen und in ihrer Schwermut zu Herzen gehen. Behutsam, ohne zu eilen meisterte sie den bewegteren Mittelteil. Das positive Bild rundete das mit kernigem Ausdruck und plastisch herausgearbeitetem thematischem Profil dargebotene Rondo-Finale ab.
Leider erschöpften sich die Glanzlichter darin weitgehend. Nach der Pause enttäuschte Park bei Robert Schumanns Sonate Nr. 2 g-Moll op. 22. So mutete der musikalische Strom im schnellen Kopfsatz etwas zerhackt, nicht ganz flüssig an. Das diffuse Spiel ohne Ader für melodische Bögen oder für die Klangsinnlichkeit sorgte für Unmut. Parks Vortrag fehlte es einfach an Energie und Entschlossenheit, zudem schien ihre Anschlagstechnik über weite Strecken nicht flexibel genug für die knifflige Komposition. Immerhin einen Hauch poetisches Empfinden bewies sie im Andantino, ohne echte gedankliche Tiefe zu erreichen.
Von der prägnanten Akzentuierung, die schon die Spielanweisung "Sehr rasch und markiert" verlangt, war beim dritten Satz angesichts der Zaghaftigkeit der Pianistin fast nicht zu merken. Ganz unter gingen im Rondo-Finale zarte, echoartige Abstufungen in der Tonstärke bei den leisen Phrasen, die eigentlich wie eine nuanciert wiederholte sehnsüchtige Frage klingen sollten, jedoch alle identisch daherkamen.
Mit dem engen farblichen Spektrum und der Stimmungsarmut konnte Parks Interpretation von Franz Liszts Zyklus "Venezia e Napoli" den Abend nicht retten. So machte den Konzertbesuch letztlich nur Beethoven lohnenswert, blieb die Pianistin mit ihrer unzureichenden stilistischen Vielseitigkeit hinter den Erwartungen zurück.


Sascha Jouini

 


Young-Choon Park

Gießener Anzeiger, 22.01.2014

Von Heiner Schultz

Eine bemerkenswerte Vorstellung erlebten die Besucher der Meisterkonzerte am Montag im Konzertsaal des Rathauses. Die Koreanerin Young-Choon Park musizierte Werke von Scarlatti, Beethoven, Schumann und Liszt. Ihre Interpretationen waren zugleich technisch brillant und inhaltlich bemerkenswert.

Mit faszinierender Klarheit präsentierte die weithin hoch geschätzte Park zunächst sieben einsätzige Sonaten von Domenico Scarlatti (1685-1757). Mit souveräner technischer und gestalterischer Kompetenz ließ sie die Kompositionen in ihren Facetten bestechend klar hervortreten. Die nicht so häufig gespielten, sehr abwechslungsreichen, vielfarbigen Werke bereicherten das Hörerlebnis - jedes Mal war das eine eigene kleine Geschichte. Park nutzte dazu eine etwas aparte musikalische Sprache und erreichte eine hervorragende Durchsichtigkeit; besonders in der abschließenden Sonate in E-Dur, K.46/L. 25. Die gestaltete sie mit toller Dramatik und perfekt durchhörbar.

Die in Südkorea geborene Pianistin studierte an der renommierten Juilliard School in New York und legte anschließend das Konzertexamen an der Hochschule für Musik in München ab. Auf zahlreichen Tourneen gibt sie mehr als 50 Konzerte jährlich in Europa, Südafrika und den USA.

Ludwig van Beethovens (1770-1827) dreisätzige Sonate Nr. 8 in c-Moll op. 13 "Pathétique" realisierte Park im ersten Teil "Grave, Allegro di molto e con brio" differenziert und energisch, mit bester Durchhörbarkeit, sehr flüssig und emotional glasklar; aber auch laut. Im Adagio cantabile schuf sie eine wohltuende, glaubhafte Stimmung. Ein Glanzlicht, genau wie das abschließende Rondo, Allegro. Dort herrschte auch im Forte minutiöse Klarheit und insgesamt beste Ausgewogenheit. Auch Stimmung und Temperament ließen nichts zu wünschen übrig.
Bei Robert Schumanns (1810-1856) dreisätziger Sonata Nr. 2 in g-Moll p. 22 hielt sich Park geradezu preußisch korrekt an die Anweisung "So rasch wie möglich" und setzte sie mit ihren herausragenden Fähigkeiten um. Von weisungsgemäßer Gelassenheit konnte da im ersten Andantino ("getragen") keine Rede sein. Sehr rasch und kühl realisiert war das, mit einer drängenden Intensität, die fast etwas Karikierendes hatte. Das Scherzo spielte die Künstlerin schön ruhig, teils schwebend. Das abschließende "Rondo: presto" erklang jedoch recht kühl. Da gab es kein Versenken ins Werk, kein Mitschwingen für den Zuhörer. Insgesamt war das eher analytisch musiziert.

Ganz vom Zügel gelassen präsentierte Park dann Franz Liszts (1811-1886) "Venezia e Napoli" (Gondoliere, Canzone, Tarantella). Sie richtete einen mächtigen, selten durchbrochenen Klangwall auf und widmete das Material teilweise gleichsam ins Freie um. Bei der überintensiven, dabei glasklaren Spielweise entstand der Eindruck starken Gestaltungswillens, so als habe Park die Komposition gleichsam für eine eigene Bearbeitung und Dramaturgie genutzt. Das übliche Wohlgefühl wich dabei wie in einer Ausstellung der Verblüffung vor so viel brillantem gestalterischem Ehrgeiz - ein überwiegend kühler Abend.

Heftiger Beifall.