Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Zugänglich und voller Gefühl

(Gießener Anzeiger)

14.02.2016 - GIESSEN

Herausragende Peijun Xu und Paul Rivinius präsentieren drei Uraufführungen

GIESSEN - (hsc). Ganz schön ueßener Anzeigengewöhnlich fiel das 4. Meisterkonzert am Donnerstag im Herrmann-Levi-Saal aus: Zum einen glänzten Peijun Xu und Paul Rivinius an Viola und Klavier mit meisterlicher Kompetenz und souveräner Gestaltung. Zum anderen hatten sie neben Werken von Prokofjew und Schostakowitsch ein paar ungewöhnliche neue Stücke im Gepäck.

Wohl vorsorglich waren einige Stammbesucher weggeblieben, doch die gefürchtete „Neue Musik“ erwies sich als zugänglich und reich an Gefühl. Das galt auch für den Auftakt des Abends mit Sergej Prokofjews ausgewählten Stücken aus dem Ballett „Romeo und Julia“ (Bearbeitung Vadim Borisovski). Elegant und flüssig musiziert, sah man in der ausdrucksvollen Spielweise die Tänzer förmlich vor sich – exzellent. Mit der erforderlich Hochdramatik, mäandernden Klangeffekten sowie farbenreicher Spielweise war das beispielhafte Ballettmusik. Höhepunkt: Der fünfte Satz „Julias Tod“ mit gleichsam wienerischer Melancholie, samtweichen Spannungs- und Melodiebögen der Viola und dem durchgehend superben Zusammenspiel war eine kongeniale Klanggestaltung. Riesenbeifall.

Ralf Gothónis (Jahrgang 1946) „Peregrina“ für Viola und Klavier zu Gedichten von Eduard Mörike, einer Uraufführung in dieser Fassung, erlitt mit Fabian von Schlabrendorffs laienhaftem Lyrikvortrag einen Dämpfer. Musikalisch intensiv schweifend und teilweise durchaus nicht harmoniefeindlich, vernahm man recht konkrete, erzählerische Elemente und vom Klavier stimmungsvolle Szenerien. Zudem erlebte man anmutige Schönheit im Duett. Sehr abwechslungsreich, zuweilen fast packend.

Auch Jie Das „Parlandioso“ für Viola solo (Uraufführung) klang durchaus für den Zuhörer komponiert, wobei Xu ihre herausragende handwerkliche und expressive Kompetenz bewies; ein Genuss. Recht erzählerisch kam das, mit einigen chinesischen Klangelementen und insgesamt fast filmmusikalisch illustrierendem Charakter sowie verschiedenen Stimmen – eine geschickte Synthese westlicher und östlicher Elemente, die sehr gut ankam.

Yao Chens „Vesper für Viola und Klavier (Uraufführung) beeindruckte mit dräuendem, ominösem Auftakt, einem kontrastreichen Aufbau und dramatischen Wellen zwischen Klavier und Viola, dann wieder schwelgerischer, träumerischer Schönklang.

So passte Dmitri Schostakowitschs Sonate in d-Moll op. 40 in vier Sätzen, bearbeitet für Viola und Klavier, mit ihrem wuchtigen, teils wild modernen Temperament perfekt. Die sehr kontrastreiche Gestaltung bot einen hochdramatischen ausladenden Beginn, dann wieder auch beschwingt Elemente im prägnanten zweiten Satz, um dann im dritten ruhig, ja etwas elegisch zu klingen. Die eruptiven Energien des vierten Satzes, trügerisch melodiös beginnend, boten den Solisten noch einmal die Chance, den Eindruck vollkommener expressiver Übereinstimmung und handwerklicher Verschmelzung zu erneuern. In jeder Hinsicht ein herausragendes Konzert; starker, anhaltender Applaus.

Heiner Schulz