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Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Anzeiger vom 23.10.2017

Schönberg trifft auf Schumann im Gießener Konzertsaal

Von Thomas Schmitz-Albohn

GIESSEN - Der eine war einer der glühendsten Vertreter der Romantik, der andere sprengte durch ständige Steigerung des Ausdrucks die Grenzen der Tonalität und erschloss der Musik neue Klangräume. Nun traten Lieder von Robert Schumann (1810 bis 1856) und Arnold Schönberg (1874 bis 1951) im Gießener Konzertsaal in einen spannungsreichen Dialog. Auf Einladung des Vereins der Gießener Julia Spiess (l.) und Laura Schwind beim Schlussapplaus. Foto: Schmitz-AlbohnMeisterkonzerte stellte die Mezzosopranistin Julia Spies am Freitagabend die beiden Zyklen "Das Buch der hängenden Gärten" op. 15 (Schönberg) und Liederkreis op. 39 (Schumann) gegenüber und bescherte den Zuhörern ein seltenes Musikerlebnis von großer Intensität. Begleitet wurde die Sängerin von der vorzüglichen Pianistin Laura Schwind, die mit sicherem Stilgefühl erheblich dazu beitrug, die Poesie der Stücke aus den kunstvollen Klaviersätzen zu entwickeln und sprechen zu lassen. Beide Künstlerinnen treten als Duo unter dem Namen "L'aura serena" auf.

Julia Spies, die über eine klare Stimme und eine breite Ausdrucksskala verfügt, ließ von Anfang an deutlich werden, dass es bei Schönberg sehr stark auf das tiefe Hineinhören, auf die Geste und den reinen Klang ankommt. Und natürlich sind höchste Konzentration und genaueste Abstimmung mit der Klavierpartnerin unerlässlich. Die 15 Lieder nach Gedichten von Stefan George markieren den Beginn der atonalen Phase, und jedes einzelne Lied aus dem "Buch der hängenden Gärten" kann als Destillat eines Gedankens oder einer Stimmung aufgefasst werden. Es sind musikalische Schlaglichter. Mal kraftvoll und zupackend, mal exaltiert und voller Emphase, mal betont sachlich deklamierend, aber immer scharf akzentuierend lud die Sängerin das Publikum dazu ein, im Umstürzler Schönberg einen sensiblen Meister des aphoristischen Ausdruck zu entdecken.

Als Robert Schumann 1840 nach jahrelangem Streit mit Friedrich Wieck endlich dessen Tochter Clara heiraten konnte, wirkten das Ereignis und die Aussicht darauf wie ein produktiver Schub: Zur überreichen Ernte jenes Jahres mit etwa130 Liedern zählt auch der Liederkreis op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, in dem Julia Spieß mit spürbarer Hingabe romantisches Empfinden ausdrückte und ihre schöne Stimme leuchten ließ.

Die scheinbar lose zusammengestellten, doch durch innere Verwandtschaft miteinander verbundenen Lieder lassen Themen wie Liebe, Verlust und Trauer anklingen und behandeln die typisch romantischen Ideen vom Auszug in die Fremde und der Einheit mit der Natur. Laura Schwind erwies sich als aufmerksame Begleiterin, die nicht nur auf jede Regung der Sängerin einging, sondern die einzelnen Lieder im Sinne der Schärfung des Ausdrucks mittrug. "Intermezzo" und "Stille" kamen in der Wiedergabe des Duos frisch und mit einem Augenzwinkern daher. Vor innerer Spannung knisterte es in der berühmten "Mondnacht", die mit den Zeilen "Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküsst" beginnt. "Schöne Fremde", ein Gesang an die Nacht, der verwirrt und trunken macht, hatte gar jubilierende Töne und korrespondierte so mit dem Bild einer fröhlichen Jagd "Im Walde". Eine Atmosphäre der Verwunschenheit und trägen Stille prägte die Darbietung "Auf der Burg", einem Lied, von dem Hans Pfitzner einmal gesagt hat, man spüre sehr deutlich, dass es nachmittags drei Uhr ist. Dann das leidenschaftliche Schlussstück, "Frühlingsnacht" mit einer jubelnden Melodie über flimmernden Klavierakkorden.

Das Publikum dankte mit überaus herzlichem Beifall und wurde als Zugabe mit Mendelssohns "Nachtlied" belohnt, in dem Julia Spies noch einmal eindrucksvoll zeigte, was in ihr steckt, und volle Stimmpracht entfaltete.

 

Gießener Allgemeine vom 23.10.2017

In Kontrasten zeigt sich Können

Duo L`aura serena sorgt für gelungenen Auftakt der Winterkonzerte

Gießen (jou). Nur mäßig besucht war das erste Winterkonzert des Meisterkonzertvereins am Freitag im Rathaus. Womöglich lag es an dem recht sperrigen Programm mit anspruchsvollen Liederzyklen. So kennzeichnet Arnold Schönbergs 15 Gedichte aus »Das Buch der hängenden Gärten« von Stefan George op. 15 poetische Verdichtung auf engem Raum. Dem Duo L`aura serena – Mezzosopranistin Julia Spies und Pianistin Laura Schwind – merkte man an, dass es bereits seit 2015 gemeinsam auftritt, derart routiniert gingen die Künstlerinnen aufeinander ein und zeigten feines Gespür für die moderne Tonsprache der 1908/09 entstandenen atonalen Lieder. Die Sängerin achtete auf facettenreiche Gestaltung. Sie hatte das Thema Verwandlung intensiv verinnerlicht bei der Geschichte vom sexuellen Erwachen eines jungen Prinzen in einem paradiesischen Garten. Fantasievoll unterstrich die Pianistin den jeweiligen Stimmungsgehalt. Dabei entfaltete das Duo dynamisch kontraststark eine weite Ausdrucksbandbreite zwischen nachdenklich-ruhigen Momenten und schroffen emotionalen Höhepunkten. Um die Darbietungen besser verfolgen zu können, wäre wünschenswert gewesen, die Liedtexte dem Programm beizulegen. Dies blieb aber auch der einzige Kritikpunkt. So widmeten sich Spies und Schwind wieder sehr hingebungsvoll Robert Schumanns »Liederkreis« op. 39 nach Joseph von Eichendorff. Der Zyklus führte auf vertrautere romantische Pfade, kreiste dabei um die Themen Einsamkeit, Entfremdung und Todessehnsucht. Förmlich greifbar schien in »Mondnacht«, dem wohl berühmtesten Lied der Reihe, der naturhafte Zauber, durch den sich die menschliche Seele befreien kann. Für den herzlichen Beifall dankte das Duo mit einer Zugabe von Felix Mendelssohn Bartholdy.