Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine vom 21.01.2018

Kraftvoll und kontrastreich

Chagall-Quartett fasziniert im Rathaus mit geistiger Spontaneität und herber Schroffheit

Schon vor gut sieben Jahren war das Chagall-Quartett im Rahmen der Winterkonzerte auf begeisterte Resonanz gestoßen und riss nun die zahlreichen Hörer im Rathaus erneut zu lang anhaltendem Beifall hin. Stefan Hempel (1. Violine), Holger Wangerin (2. Violine), Max Schmiz (Viola) und Jan Ickert (Cello) eröffneten das Konzert im Hermann-Levi-Saal mit Joseph Haydns anspruchsvollem Opus 77 Nr. 2 in F-Dur, einem der letzten Streichquartette des Wiener Klassikers. Elegant intonierten die Musiker das sangbare Hauptthema des Allegro-Kopfsatzes. Durchweg gefiel das feinsinnige, akkurat aufeinander abgestimmte Zusammenspiel. Besonders zu loben sind das punktgenaue Timing und die bis hin zur Durchführung anschauliche formale Gestaltung. Das Menuett amüsierte durch rhythmische Irritation, verschleiert Haydn hier doch raffiniert den Dreivierteltakt. Im Gegensatz dazu bewegten sich die beschaulichen, melodisch schlichten Andante-Variationen auf eher geläufigen Pfaden. Eine Fülle artikulatorischer wie ausdrucksmäßiger Nuancen gewann das Ensemble dem beschwingten Finale ab und wahrte in seiner ausgefeilten Interpretation wieder die Übersicht.

In eine ganz andere, betont expressionistische Sphäre führte Béla Bartóks zweites Quartett op. 17. Beim ersten Satz unterstrichen die Musiker die schattierungsreiche Harmonik und bewiesen sicheres Gespür für die moderne Klanglichkeit. Das ausgedehnte Thema verbreitete mysteriösen Zauber. Gleichermaßen faszinierte das folgende, von geistiger Spontaneität und herber Schroffheit gekennzeichnete Scherzo. Recht farbig und emotional intensiv trat die elegische Lento-Musik an die Hörer heran. Durch ungarische Folklore inspiriert, schien die Komposition einer fernen, weitgehend vergangenen Welt zu entspringen.

Furioses Finale

Nach der Pause wurde das Chagall-Quartett verstärkt durch Pianistin Catherine Klipfel in Johannes Brahms' Klavierquintett f-Moll op. 34. Kraftvoll baute das Ensemble die Steigerungen im ersten Satz auf, einem spannungsgeladenen „Allegro non troppo“, in dem die Kontraste sehr schön zur Geltung kamen. Die Pianistin hielt vorzüglich klangliche Balance mit den Streichern. Im Ganzen entwickelte die Musik mit ihrem leidenschaftlichen Ausdruck starke Sogkraft, derart konzentriert gingen die Künstler aufeinander ein. Ebenso hingebungsvoll dargeboten, brachte das Andante Gedankenversunkenheit herüber und lud zum Schwelgen ein. Das Hörvergnügen setzte sich fort beim energischen Scherzo. Gekonnt zutage gefördert schien beim Finale die dramaturgische Konzeption. Die leise, verhalten anfangende Einleitung mündete in einen bewegungsreichen schnellen Hauptteil mit markanten Höhepunkten; furios der Presto-Schluss. Sichtlich davon angetan, entließen die Besucher die Künstler nicht ohne Zugabe.     Sascha Jouini