Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine vom 25. Juni 2018

Virtuos und melodisch bezaubernd

Von Sascha Jouini

Gießen (jou). Schon vor sechseinhalb Jahren begeisterte das Quadriga-Posaunenquartett bei den Winterkonzerten im Rathaus restlos mit seiner anregenden musikalischen Reise durch diverse Epochen. Erfreulicherweise konnte der Meisterkonzertverein das Ensemble nun erneut gewinnen. Den ersten Programmblock zwischen Renaissance und Frühbarock spielten Jan Böhme, Martin Zuckschwerdt, Holger Pfeuffer und Carsten Luz am Sonntagvormittag in der Schiffenbergbasilika auf Nachbauten historischer Instrumente. Unterstrichen durch prägnanten Trommelrhythmus, bildete der »Earl of Oxford’s March« von William Byrd einen feierlichen Auftakt. Die tonstärkemäßig fein differenzierte Interpretation brachte die Echoeffekte bei der »Canzona per sonare II« von Giovanni Gabrieli klar zur Geltung. Insgesamt merkte man den Künstlern, allesamt Mitglieder renommierter Klangkörper wie dem Gürzenich-Orchester Köln, reiche Erfahrung in der historischen Aufführungspraxis an. Da bereitete etwa Pierre Passereaus virtuos-leicht dargebotenes Stück »Il est bel et bon« ein beschwingtes Hörerlebnis und machte die etwas frischen Temperaturen auf dem Schiffenberg vergessen. Durch kühne Betonungen geradewegs moderne Züge erhielt die Musik des franco-flämischen Komponisten Adrian Willaert. Auf heutige Instrumente wechselte das Ensemble bei Kostproben aus Georg Friedrich Händels Oper »Rinaldo«. Recht flüssig und rund in den musikalischen Bögen gelang die Ouvertüre, besonderen melodischen Zauber verströmte die berühmte Arie »Lascia ch’io pianga«. Ebenso ansprechend gerieten drei Sätze aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 2 h-Moll: markant akzentuiert und mit beweglicher Stimmführung die Bourrée, tänzerisch anmutig das Menuett, ganz spritzig, doch frei von unangenehmen klanglichen Schärfen die Badinerie.

Einen weiten musikgeschichtlichen Sprung machte das Quartett nach der Pause und bewies unter anderem bei Auszügen aus Verdis Oper »Rigoletto« wieder große Fantasie; hier demonstrierte Bassposaunist Jan Böhme überdies mit seinem dramaturgisch stimmigen Arrangement künstlerisches Geschick.

Inzwischen war das Wetter behaglich, als mit den »Danses d’ailleurs« des schwedischen Komponisten Anders Soldh rhythmisch Komplexes in den Fokus rückte. Mit starkem Beifall bedacht wurde von den zahlreichen Besuchern auch das Auftragswerk »Gilgamesch« von Alexander Reuber, dem das Ensemble den Mythos babylonischen Ursprungs als Leitidee vorgab. Die daraus entwickelte filmmusikartige Komposition entfaltete in der ausgefeilten Darbietung des Quartetts starke Sogkraft.


Gießener Anzeiger vom 25. Juni 2018

Mit Sympathie fürs Unterhaltsame

von Karsten Mackensen

KLASSIK Quadriga-Posaunenquartett beim dritten Basilikakonzert auf dem Schiffenberg

GIESSEN - Es ist doch wirklich erstaunlich, was man auf einer Posaune alles spielen kann. Ganz bierernst muss das nicht unbedingt ausfallen, wie das Quadriga-Posaunenquartett beim dritten der Basilikakonzerte auf dem Schiffenberg am Sonntag unter Beweis gestellt hat. Moderiert von Martin Zuckschwerdt (Alt- und Tenorposaune), gab es Musik zum Hören - und Staunen - von der Renaissance bis zur Gegenwart.

Nun existiert nicht besonders viel Originalmusik für vier Posaunen, und so spielen die Musiker vielfach Arrangements, die in der Regel der Bassposaunist der Gruppe, Jan Böhme, anfertigt. Was man bei einer solchen Besetzung manchmal vielleicht vermisst, ist ein echtes Sopraninstrument, ist der glänzende, helle Klang als Ergänzung zur Tongebung der Posaunen mit ihrem Changieren zwischen Festlichkeit und Behäbigkeit. Andererseits hat es einen gewissen Reiz, einmal Bachs wahrscheinlich berühmtestes Flötenstück, nämlich die "Badinerie" aus der Suite BWV 1067, von einer Altposaune in halsbrecherischer Bravour zu hören. Das war sicher ein bisschen augenzwinkernd gemeint und ist höchst vergnüglich ausgefallen.

Besonders gut fügt sich der Klang der Posaunen zu den chorisch-mehrstimmig angelegten Stücken aus der Renaissance, wie sie das Quartett vor der Pause auf Nachbauten historischer Instrumente spielte, etwa eine Canzone von Giovanni Gabrieli oder eine Fassung des berühmten Chansons "Il est bel et bon" von Pierre Passereau. Auch diese Musik verlangt allerdings virtuose Ausführung. Hier hatte man schon den Eindruck, dass die eigentlich ausgezeichneten Musiker (allesamt Mitglieder renommierter Orchester) nicht in Höchstform spielten: Streckenweise mangelte es an Präzision im Zusammenspiel, fallweise gab es sogar ernsthafte Intonationsschwächen.

Moderne Instrumente verwendete das Ensemble dann in der zweiten Hälfte, die mit weiteren Hits der Musikgeschichte im Posaunengewand aufwartete, darunter Händels berühmte Arie "Lascia ch'io pianga" aus "Rinaldo" und Verdis "La donna è mobile" aus "Rigoletto".

Mehrere zeitgenössische Stücke demonstrierten die Sympathie des Ensembles fürs Unterhaltsame. Beschwingt geriet der Tango aller Tangos, nämlich "Jalousie" von Jacob Gade. Zu modern sollte es sonst offenbar nicht werden. "Gilgamesch", 2015 von Alexander Reuber für das Quartett komponiert, bedient harmlos ein Stilgemisch zwischen Filmmusik und Neorenaissance, und ebenfalls in ungebremster Tonalität verharrt das "Quartett Nr. 1" des Belgiers Steven Verhelst. Schön sentimental dann als Zugabe: Louis Armstrongs "What a wonderful world".