Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine vom 3.12.2018

Voller Spannung und Schwung

von Sascha Jouini

Erfreulich gut besucht war das zweite Winterkonzert am Sonntag im adventlich geschmückten Hermann-Levi-Saal. Die Hamburg Chamber Players widmeten sich zunächst einer raffinierten klassischen Komposition: Wolfgang Amadeus Mozarts Quartett Es-Dur KV 493. Ian Mardon (Violine), Julia Mensching (Viola), Rolf Herbrechtsmeyer (Cello) und Yuko Hirose (Klavier) verliehen den zahlreichen Dialogen im Allegro-Kopfsatz betörenden Charme. Die Interpretation wirkte recht elegant, klanglich fein ausbalanciert. Dabei sorgte die gut passende, nie gehetzt wirkende Tempowahl dafür, dass die melodische Anmut beim beschaulichen musikalischen Strom vollendet zur Geltung kam. Beim Larghetto gab die Pianistin mit nuancierter Themengestaltung die klare, den rhetorischen Charakter unterstreichende Richtung vor, die Streicher knüpften inspiriert daran an. Herzerwärmend lebensbejahende Züge verbreiteten die Themen im Allegretto-Finale. Wieder geriet der Vortrag perfekt aufeinander abgestimmt. Souverän die Übersicht wahrend, hielt die Pianistin versiert die Fäden zusammen.

Kleines Gedankenexperiment

Im weiteren Verlauf des Programms lud das Ensemble zu einem »kleinen Gedankenexperiment« ein: Bei Werken zweier miteinander befreundeter Hamburger Komponisten, Johannes Brahms und Ferdinand Thieriot (1838 bis 1919), sollten die Hörer für sich entscheiden, welchem sie den Vorzug geben, dabei der Frage nachgehen, ob wir heute nicht gerade deshalb berühmte Musik schätzen, weil unsere Wahrnehmung darauf geschult wurde.

Der gefühlsbetonte, bei dramatischen Höhepunkten klanglich gesättigte Stil des Quintetts D-Dur op. 20 von Thieriot – Violinistin Elisabeth Schneider trat hier hinzu – erinnerte deutlich an Brahms. Der Vergleich erschien allerdings heikel, hört man die Musik des unbekannten, erst seit den 1990er Jahren wiederentdeckten Komponisten doch heute kaum mehr unvoreingenommen, orientiert sich vielmehr an romantischen Zeitgenossen. Thieriots alles andere als epigonenhafte Musik besticht durch melodische Erfindungskraft und variable Satztechnik, wie sich etwa beim verhalten beginnenden, dann klanglich und ausdrucksmäßig an Intensität zunehmenden Adagio zeigte. Genuss bereitete auch das Scherzo, derart spannungsgeladen brachte das Ensemble hier den Schwung herüber. Der wieder kraftvoll-energische Zugriff beim Allegro-Finale setzte das i-Tüpfelchen auf ein exquisites Erlebnis.

Auch bei Brahms’ Quartett g-Moll op. 25 sorgte der elegante, dramaturgisch einleuchtende Vortrag für ungetrübtes Vergnügen. Von der Form und Struktur, durch die folkloristische Note auch atmosphärisch erschien Brahms komplexer als Thieriot. Besonders mitreißend gelang das derbe »Rondo alla Zingarese«-Finale. Das begeisterte Publikum erklatschte sich eine Zugabe.


Gießener Anzeiger vom 4.12.2018

"Hamburg Chamber Players" bestritten zweites Winterkonzert

Nicht überzeugend: Klavierquartett mit Brahms, Mozart und Thieriot in der Reihe "Gießener Meisterkonzerte"

GIESSEN - Die "Hamburg Chamber Players", ein Klavierquartett aus der Hansestadt, gastierte beim zweiten Winterkonzert der Reihe "Gießener Meisterkonzerte" am Sonntag im Hermann-Levi-Saal.

Mit dem anspruchsvollen Programm waren die Musiker (Ian Mardon, Geige, Julia Mensching, Bratsche, Rolf Herbrechtsmeyer, Cello, sowie Yuko Hirose, Klavier) über weite Strecken erkennbar überfordert. Die technischen Schwächen waren so gravierend, dass man beim besten Willen nicht darüber hinweghören konnte. Die zweite Hälfte des zeitlich sehr ausgedehnten Konzerts gelang dabei aber deutlich besser als die erste. Und das ist schon einigermaßen überraschend, denn da wagte sich das Ensemble an Johannes Brahms' Klavierquartett op. 25 und damit an ein echtes Musterbeispiel dieser Gattung, das spielerisch verkleidet mit den höchsten Schwierigkeiten aufwartet, raffinierten Stil-, Tempo und Charakterwechseln, virtuosen Finessen in allen Stimmen, vor allem aber mit mitunter fast sinfonischen Klanganforderungen. Klangbalance ist eine der großen Herausforderungen an die Spieler, und damit hatten die Hamburger große Probleme. Es wäre ungerecht, das einfach auf das vermeintlich zu laute Klavier zu schieben - Klangqualität in den Streichern entsteht durch feinste Nuancen in der Spieltechnik, aber nicht zuletzt auch durch ein resonatorisches Einschwingen der verschiedenen Instrumente. Das setzt neben reinster Intonation auch homogene Gestaltung, eine hoch synchronisierte (innere) Bewegung der Musikerinnen voraus. Daran mangelte es teilweise, wie klappernde Einsätze, ungeschickt gestaltete Übergänge und ungleichmäßige Phrasen-Enden immer wieder zeigten. Immerhin war im Brahms der Gestaltungswille trotzdem zu erkennen; den Musikern gelangen auch größere Bögen, etwa im dritten Satz oder in einer gewissen Gelöstheit im zweiten Thema des ersten Satzes oder schließlich in den schön sentimentalen, "ungarischen" Episoden des Schlusssatz

Misslungener Mozart

Gänzlich misslungen war Mozarts Quartett in Es-Dur, das den Anfang machte: unschöner Ton in den dünnen, intonationsunsicheren Streichern, unsensibler, harter Klavierklang, stümperhaftes Zusammenspiel - darüber wollen wir lieber schweigen.

Worüber man sprechen muss, ist das Klavierquintett op. 20 (D-Dur) von Ferdinand Thieriot (1838-1919). Ferdinand wer? wird nun mancher Leser fragen - und in der Tat, das ist ein großer Unbekannter der Musikgeschichte. Freund von Brahms und wie dieser ein geborener Hamburger, schrieb er zahlreiche Kammermusikwerke, deren Wiederentdeckung sich offenbar lohnt. Das Quintett (ergänzt wurde das Hamburger Ensemble durch die Geigerin Elisabeth Schneider) ist ein originelles Werk, von einigem Anspruch, durchaus nicht für Amateure geschrieben.

Die Musik verläuft anders als die von Brahms, sie ist einfacher gegliedert, etwas weniger komplex, auch in der polyphonen Gestaltung, aber sie bietet viel Abwechslung. Eine säkularisierte Religiosität, typisch für die Hamburger Kultur, zeigt sich zum Beispiel im Choraltonfall des zweiten Satzes, zunächst im chorischen Wechsel zwischen Streichern und Klavier, später in romantisch ausgreifender Harmonisierung im ganzen Ensemble. Ähnlich choralartig ist das Trio des dritten Satzes, das im starken Kontrast zu der Motorik des rahmenden Scherzos steht. Auch der rasante Schlusssatz (mit nicht völlig unbrahmsischen "ungarischen" Elementen) wartet mit einer gleichsam im A-cappella-Stil komponierten Episode auf.

Die Darbietung durch die Hamburger war keine Glanzleistung, aber es gebührt ihnen das Verdienst, diese interessante Komposition in den Konzertsaal zurückgebracht zu haben.