Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine vom Donnerstag, 18. Oktober 2018

Stilsicher von Barock bis heute

Gut besucht war angesichts vieler gleichzeitiger Kulturveranstaltungen im heimischen Raum am Samstagabend der Hermann-Levi-Saal des Rathauses. Das Tel-Aviv-Bläserquintett gastierte dort beim ersten Winterkonzert der Saison.

Von Dr. Olga Lappo-Danilewski

Zum Auftakt der Winterkonzerte begrüßte Impresario Dieter Lindheimer Künstler und Publikum und äußerte Freude über die Weiterführung der Musikreihe. Zu Gast war das Tel-Aviv-Bläserquintett in der Besetzung Roy Amotz (Flöte), Dmitry Malkin (Oboe), Danny Erdman (Klarinette), Itamar Leshem (Horn) und Nadav Cohen (Fagott). Der Flötist kommentierte in gepflegtem Deutsch die Stücke, die an diesem Abend einen Einblick in das zeitlich breit gefächerte Repertoire gaben. Das Ensemble erwies sich als höchst flexibel in den Stilwechseln, denn auf Rossini folgte Hindemith, auf Bach der israelische Gegenwartskomponist Avni, dazwischen Weill und Eisler – nicht nur für die Ohren der Musikfreunde eine Umstellung, sondern auch für die Musiker hohe Anforderung an technisches Können und Einfühlungsgabe.

Eine Fassung der Triosonate Nr. 5 C-Dur BWV 529 für Flöte, Klarinette und Fagott aus Johann Sebastian Bachs Sammelhandschrift für Orgelmusik von 1727 eröffnete den Abend. Lebendig durchgestaltet von jeder Stimme, »jagen« die Themen einander im Allegro. Ein wenig zäh im Klangcharakter wirkte das Largo, während die Instrumentalisten dem dritten Satz mit klarer Artikulation ansprechende Farbigkeit gaben.

Mit Spannung erwartet wurde ein Quintett des 1927 in Saarbrücken als Hermann Steinke geborenen jüdischen Komponisten Tzvi Avni, der mit seinen Eltern 1935 nach Haifa auswanderte und noch heute u.a. an der Musikhochschule Jerusalem lehrt. Wie Flötist Amotz weiter ausführte, steht sein Quintett von 1959 Schönberg nahe. Avni kombiniert klassische Formen mit modaler Tonalität. In dem fünfteiligen Werk kommen Anklänge an Bartok, Ravel und – etwa in den harten rhythmischen Reibungen und Synkopen – auch Strawinsky vor. Kontrastreich, mit solistischen Highlights besonders ansprechend in der Oboe, aber auch in dem elegischen Dialog von Horn und Klarinette von ganz eigenem Zauber, interpretierten die Fünf das Werk mit Temperament und Humor. Jazzige Töne gab es im Schlusssatz, der nach vielen Dissonanzen im schönen Unisono endet.

Big-Band-Sound auf kammermusikalisch herrschte in einem Arrangement, das in Kurt Weills »Dreigroschenoper« führte und die Moritat von Mackie Messer in Legato-Schönklang verwandelte. Kniffligkeiten und technische Raffinessen beeindruckten beim konzentrierten Zusammenwirken in Hanns Eislers Divertimento op. 4. Von seinem Zeitgenossen Paul Hindmith hatten die Israelis eine »Kleine Kammermusik« op. 24/2 ausgewählt. Die Ausdruckspalette reicht von Motorik und persiflierenden Elementen bis zu melodischem Fluss; alle Solisten brachten dabei ihre Instrumente auf höchstem künstlerischen Niveau zur Geltung. Zwischen Eisler und Hindemith der Kontrast in vollendeter Harmonie: Gioacchino Rossini erfreute mit einfallsreichen drei Sätzen des Quartetts in F-Dur, von den Musikern stilsicher intoniert. Für den herzlichen Beifall dankten die sympathischen Künstler mit einem schmissigen Piazzolla-Tango.


Gießener Anzeiger vom 14.10.2018

Tel-Aviv-Bläserquintett macht den Auftakt der Gießener "Meisterkonzerte"

Den Auftakt zur Wintersaison der in Gießen seit Langem eingeführten "Meisterkonzerte" gestaltete das Tel-Aviv-Bläserquintett am Samstagabend im Rathaus. Die Musiker präsentierten ein leicht doppelbödiges Programm einer gebrochenen "deutschen" Musikgeschichte.

GIESSEN - Den Auftakt zur Wintersaison der in Gießen seit Langem eingeführten "Meisterkonzerte" gestaltete das Tel-Aviv-Bläserquintett am Samstagabend im Rathaus. Die Musiker präsentierten ein leicht doppelbödiges Programm einer gebrochenen "deutschen" Musikgeschichte. Fast alle Komponisten (außer Rossini, der aber ohnehin ein bisschen als Lückenfüller diente) waren deutscher beziehungsweise österreichischer Herkunft. Man möchte in der konzertdramaturgisch sonst kaum begründbaren Eröffnung mit Johann Sebastian Bach (Trio-Sonate BWV 529) fast eine Huldigung an diese Tradition sehen. Hanns Eisler hätte dem sicher nicht widersprochen, sein "Divertimento op. 4" aus dem Jahr 1923 ist in der klanglichen Gestaltung erkennbar inspiriert durch die Musik seines Lehrers, Arnold Schönberg - und der verstand sich durchaus als Vollender der deutschen Musik. Das Stück ist ein Kleinod, voller Witz das Charakteristische der Instrumente nutzend, vor allem im Variationssatz, der den Spielern alles abverlangt. Bekanntlich endete die vermeintliche Kontinuität dieser Musikgeschichte abrupt mit der rassistischen Kulturpolitik der Nationalsozialisten. Eisler nicht anders als Kurt Weill (gespielt wurde seine "Dreigroschenmusik" von 1929) mussten flüchten. Gleiches galt für die Familie von Tzvi Avni, der 1927 in Saarbrücken zur Welt kam. Studiert hat er später in Tel Aviv und den USA. Sein Quintett von 1959 bietet einen hervorragenden Einblick die frühere Phase seiner Arbeit, die einerseits Schönberg-informiert ist, aber zugleich einen ganz eigenständigen, vielleicht "israelischen" Stil entwickelt. Entfernt klingt die aus dem 16. Jahrhundert überlieferte Melodie des "Yedid Nefesh" an, eines liturgischen Gedichts für den Sabbat. Hier konnte das Ensemble seine ganze Kunst zeigen, etwa die Flöte in den frei melismatischen Figurationen im ersten Satz mit ihrer weichen Transparenz, ihrer extrem homogen-schönen Klanggestaltung, oder im "Dialogo elegaico" das feinfühlige Duo Horn / Klarinette. Überhaupt ist diese Gruppe hervorragend aufeinander eingespielt; auch der für den frisch Vater gewordenen Oboisten eingesprungene Dmitry Malkin hat sich gut integriert. Das Ensemble schafft die Balance zwischen dem hoch Individuellen der einzelnen Instrumente und ihrer gänzlichen Verschmelzung - ein so zartes Horn oder ein so weiches Fagott selbst in den hohen Lagen hört man selten. Paul Hindemiths (der emigrierte nicht, wurde aber nicht mehr gespielt) "Kleine Kammermusik" von 1922 verlangte dies alles - ein tolles Stück, dem Ensemble wie auf den Leib geschrieben. Als Zugabe gab es mitreißenden "Libertango" von Astor Piazzolla.