Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Anzeiger vom 7. August 2018

Mehr Stühle für den Meistergitarristen

Gitarrist Friedemann Wuttke brilliert beim letzten Basilikakonzert

GIESSEN - Das letzte der aktuellen Basilika-Konzerte auf dem Schiffenberg fand einen so regen Zuspruch, dass extra Stuhlreihen aufgestellt werden mussten. Wie Dr. Dieter Lindheimer vom ausrichtenden Verein Gießener Meisterkonzerte gegenüber dem Anzeiger mitteilte, hatten rund 160 Zuhörer den Weg zu einem Recital der Extraklasse gefunden. Der musikalische Gast Friedemann Wuttke ist ein international renommierter Gitarrist, der das Publikum zu wahren Beifallsstürmen animierte.

Anfangs ertönten sechs klassische Gitarrenstücke von Ferdinando Carulli (1770 - 1841). Schon im ersten Stück, Andantino, verbreitete der Instrumentalist poetischen Klangzauber. Er modellierte die hochklassische Melodie klug heraus und faszinierte das andächtig lauschende Auditorium. Das folgende Werk kombinierte ein klangschönes Melos mit gelungenen Flageoletts. Auch die dreiteilige Liedform war in der meisterhaften Interpretation des Gitarristen deutlich erkennbar. Das vierte Stück klang an einen beliebten Gassenhauer der damaligen Zeit an: "An Alexis send ich dich". Besonders gut interpretierte Wuttke die leisen Mollabschnitte.

Anschließend erklang eine Auswahl aus den Etüden und Preludes des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos. Er lernte in Paris Maurice Ravel und Claude Debussy kennen. Schon die Etüde Nr. 1 mit ihren Anklängen an Bachs wohltemperiertes Klavier legte Zeugnis ab von der Verehrung Villa-Lobos' für Bach. In der zweiten Komposition, einem Prelude, verströmte der Meistergitarrist reinen Wohllaut. Im weiteren Verlauf verband der Komponist quasi Rezitativisches mit ariosen Strukturen, was einen guten Effekt erzielte.

Nach der Pause spielte Wuttke die Violin-Chaconne d-Moll von Bach in einer Bearbeitung für Gitarre. Eine Chaconne ist ein Variationensatz über einem ostinaten Bassmodell. Kaum zu entscheiden, was man bei Wuttke mehr bewundern soll: den melodisch und harmonischen Reichtum des Werkes, die feinsinnige Dynamisierung oder das transparente Spiel des Künstlers.

Zum Schluss interpretierte er Fernando Sors "Variationen über ein Thema aus Mozarts Zauberflöte" für Gitarre. Die Variationen waren teilweise melodiekonstant gehalten. Besonders gut gelang die sehnsuchtsvolle Mollvariation. Im Folgenden wurde die kantable Melodie in Klangwolken aufgelöst. Dabei zeigte sich erneut die Meisterschaft und klangliche Delikatesse des Musikers. Das Publikum erklatschte sich eine Zugabe.

Die nächste Auflage der Gießener Meisterkonzerte beginnt am 13. Oktober im Hermann-Levi-Konzertsaal.


Gießener Allgemeine vom 5. August 2018

Vergnügsamer Saisonabschluss

von Sascha Jouini

Zum Ausklang der Basilika-Konzerte traf der veranstaltende Meisterkonzertverein in Künstlerauswahl und Programm noch einmal den Publikumsnerv: Bei strahlendem Sommerwetter war die Schiffenberg-Basilika bei dem Recital des Gitarristen Friedemann Wuttke voll besetzt.

Wuttke widmete sich eingangs fünf von Mozart beeinflussten Stücken des italienischen Gitarrenvirtuosen Ferdinando Carulli. Bezaubernde Stimmung verlieh er der farbigen Akkordfolge im eröffnenden Andantino. Subtil gelang ihm das folgende graziöse Stück, während das »Energico« geballte Kraft ausstrahlte. Auch bei den weiteren Sätzen animierte Wuttke die Hörer, tief in vielschichtige klassische Dimensionen einzutauchen. Nach Brasilien entführte der Gitarrist bei einer Auswahl von Etüden und Préludes von Heitor Villa-Lobos. Wie bei Carulli bildete ein Stück mit facettenreicher Harmoniefolge – die Etüde Nr. 1 – den Auftakt. Lateinamerikanischen Geist verbreitete etwa das anschließende Prélude Nr. 1. Wuttke demonstrierte eine untrügliche Ader für wechselnde Stimmungen und nahtlose Übergänge, zeichnete dabei die musikalische Struktur äußerst transparent. Wie er selbst simpelsten Sequenzen eingängiger Figurationen durch dynamisch differenzierte Gestaltung immer neue Nuancen abgewann, hatte künstlerische Klasse. Da paarte sich außerordentliche Fantasie mit makelloser Spieltechnik.

Ein besonderes Hörerlebnis bescherte die berühmte Chaconne aus Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 2 d-Moll. In der Fülle feiner Schattierungen stand die Interpretation einer Aufführung auf Violine kaum nach. Die Variationen spannten weite musikalische Bögen, fesselten bis zum letzten Takt. Zwar erreichte Wuttke nicht durchgängig die hohe technische Perfektion wie bei Carulli oder Villa-Lobos, dem hervorragenden Gesamtbild tat dies indes kaum Abbruch.

Zum Schluss, bei Fernando Sors "Variationen über ein Thema aus Mozarts ›Zauberflöte‹", war das liedhafte Thema in unterschiedliches Gewand gekleidet – mal mit Verzierungen versehen, dann ganz rhythmusbetont. Als Zugabe nach begeistertem Applaus und Bravorufen hatte Wuttke eine mediterrane Perle parat: die Nr. 5 »Andaluza« aus den »Zwölf spanischen Tänzen« von Enrique Granados.