Gießener Allgemeine vom
Beim jüngsten Winterkonzert hat ein japanisches Werk das i-Tüpfelchen gesetzt
Das Minguet Quartett bot beim jüngsten Winterkonzert im Levi-Saal eine anregende Mischung aus Standardrepertoire und den Horizont erweiternder Neuer Musik. Die Besucher lauschten gebannt den niveauvollen Interpretationen und erklatschten sich eine Chanson-Zugabe zum Dahinschmelzen: Edith Piafs „La vie en rose“.
Der künstlerische Anspruch des Ensembles zeigte sich bereits darin, dass es das Programm nicht mit irgendeinem Streichquartett von Joseph Haydn eröffnete, sondern mit dem so ziemlich am ausgefallensten unter den späten: op. 76 Nr. 4 B-Dur. Auf dem von Annette Reisinger (2. Violine), Aida-Carmen Soanea (Bratsche) und Matthias Diener (Cello) gebildeten Klangteppich ließ Primarius Ulrich Isfort die Melodie sich elegant emporschwingen. Der beschauliche Anfangsteil mündete in eine lebhafte, beherzt gespielte Passage. In den Kontrasten standen sich musikalische Extreme gegenüber, dabei rückte, anders als in früheren Quartetten Haydns, die motivisch-thematische Arbeit in den Hintergrund. Als weit wichtiger erwies sich der klangliche Aspekt, so erhielt das Thema in der Durchführung eine ganz andere Färbung.
Das Klangliche war auch im „Andantino“ aus Claude Debussys „Streichquartett“ g-Moll op. 10 von 1893 zentral. Die Musik führte hier indes in andere Ausdrucksdimensionen. So erzeugte das Ensemble nun eine sanftere, intimere Tongebung, bediente sich dabei einer reichen Farbpalette und reizte die moderne Harmonik aus.
Inspiriert durch Debussy, schrieb Maurice Ravel sein Streichquartett F-Dur op. 35 rund zehn Jahre später. Dieses nicht minder schattierungsreiche impressionistische Werk fügte sich nahtlos ins Programm. Im „Allegro moderato“-Kopfsatz gefiel die feine melodische Zeichnung. Überhaupt spielte das Ensemble klanglich wohldosiert. Der scherzoartige zweite Satz brachte mit trockenen Pizzicati eine effektvolle Note. Wie ein Innehalten mutete die Musik im lyrischen Mittelteil an, bis es zu einer raffinierten Mischung mit Motivik des Rahmenteils kam. Dem langsamen dritten Satz folgte ein turbulentes Finale, bei dem abermals die so temperamentvolle wie ausgefeilte Gestaltung begeisterte.
Besonders lohnend machte den Besuch das Werk „Blossoming“ (2007) des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa. Am Anfang standen Liegetöne, dann differenzierte sich das Klangspektrum durch Vibrato-Spiel, Flageoletts, Glissandi und Tremoli aus. Dabei animierte das Stück die Fantasie der Hörer, so konnte man sich eine Lotusblume im See vorstellen, die für Hosokawa „die Öffnung des Geistes, das Erwachen des Selbst und das tiefe Verlangen nach Erleuchtung und Schönheit“ versinnbildlicht. Von diesem buddhistischen Gedanken ließ sich Hosokawa (*1955) leiten, den erst das Studium bei Isang Yun in Berlin und Klaus Huber in Freiburg zur eingehenden Auseinandersetzung mit der japanischen Musikkultur angeregt hatte. Im Verlauf verdichtete sich die Bewegung virtuos, um sich dann wieder aufzulockern. Auf originelle Weise verband das Stück ostasiatischen Geist mit Elementen westlicher Kunstmusik. Der bereichernde kulturelle Brückenschlag wurde von den Besuchern dankbar aufgenommen. Sascha Jouini