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Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Gießener Allgemeine vom 22. Januar 2019

Bravorufe für klanglichen Feinsinn

Kammermusikliebhaber sind zurzeit verwöhnt: Nach der hervorragenden sonntäglichen Matinee im Theaterfoyer mit Musikern des Philharmonischen Orchesters setzten tags darauf beim Winterkonzert im Hermann-Levi-Saal preisgekrönte Künstler weitere Glanzlichter. Das Eliot Quartett – Mariana Osipova (1. Violine), Alexander Sachs (2. Violine), Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuss (Cello) – gewann unter anderem den Deutschen Musikwettbewerb 2018 mit drei Sonderpreisen. Verstärkt wurde das Ensemble durch den in der Konzertreihe schon öfter aufgetretenen Pianisten Jonathan Aner sowie die ebenfalls mehrfach ausgezeichnete Cellistin Bettina Kessler.

Auf dem Programm standen zwei gewichtige Kompositionen. César Francks Klavierquintett f-Moll von 1878/79 ist zwar nur dreisätzig, entspricht vom Umfang gleichwohl einer ausgewachsenen Sinfonie. Intensiv verliehen die Streicher zu Beginn der Leidenschaftlichkeit Ausdruck, der Pianist spannte poetisch nuanciert die Bögen fort. Die langsame Einleitung mündete in ein befreit wirkendes Allegro. Am selben Strang ziehend, achtete das Ensemble auf feine Klangverschmelzung – bis hin zu vehement zu Gehör gebrachten dynamischen Spitzen.

Unmittelbar zu berühren vermochten besinnlich-ruhige Momente beim Lento. Sehr schön fingen die Musiker hier die Gedankenversunkenheit ein, bedienten sich dabei wieder einer harmonischen Farbpalette. Zarten Melodiepassagen standen mit Nachdruck gespielte Fortissimo-Höhepunkte gegenüber. Ein Genuss auch das turbulente Allegro-Finale. Hier schimmerte besonders deutlich die Orgelsphäre durch, an der sich Franck klanglich orientiert hat.

Mindestens ebenbürtig erschien nach der Pause die Interpretation von Franz Schuberts Streichquintett C-Dur. Der klar gezeichnete Vortrag begeisterte vom ersten bis zum letzten Takt. Für Gänsehaut sorgten im Allegro-Kopfsatz subtil beleuchtete lyrische Gedanken. Die beseelte Darbietung dürfte selbst kritische Hörer zufriedengestellt haben, derart raffiniert schlug das Ensemble eine Brücke zwischen rhythmisch federleichten und emphatischen Passagen. Selbst sachte Pianissimi gelangen ausdrucksvoll.

Konzert mit Höhenflügen

Den emotionalen Gipfel markierte das Adagio – einfühlsamer vermittelt konnte man sich die traurige, sehnsuchtsvolle Stimmung kaum vorstellen; von großer Eindringlichkeit der aufwühlende zweite Teil. Bei allen »himmlischen Längen« wahrte das Ensemble den Blick fürs große Ganze, ließ die musikalischen Bögen nie abreißen. Die Höhenflüge setzten sich fort beim ungestümen Scherzo, das an resolutes Aufbäumen gegen schicksalhaftes Leid erinnerte. Hier wie auch beim versöhnlichen Allegretto-Finale zeigten sich die Einflüsse erstklassiger Lehrer wie Hubert Buchberger und Tim Vogler, bei denen das Eliot Quartett sein handwerkliches Rüstzeug erworben hat. Das hochkarätige Konzert animierte die Besucher zu Bravorufen und kräftigem Applaus.

Sascha Jouini


Gießener Anzeiger vom 22.1.2019

Blicke ins Licht mit Franck und Schubert

Von Heiner Schultz

GIESSEN - GIESSEN. Bei den Winterkonzerten hört man immer wieder sehr gute Musik, doch am Montagabend hatten die Besucher des Hermann-Levi-Saals besonderen Grund zur Freude. Das 2014 in Frankfurt gegründete "Eliot Quartett" hob das Niveau der Reihe mit Werken von César Franck (1822 - 1890) und Franz Schubert (1797 - 1828) ins schier Traumhafte an.

Kein einziger Handyton störte das mit Maryana Osipova, Alexander Sachs (beide Violine), Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuss (Cello) im vergangenen Jahr mit Preisen überschüttetes Ensemble, das seine Aus- und Weiterbildung bei namhaften internationalen Größen erhielt. Zusammen mit den beiden renommierten Gästen Jonathan Aner (Klavier) und Bettina Kessler (Cello) präsentierte das Ensemble zunächst Francks Klavierquintett f-Moll für Klavier in drei Sätzen. Es begann mit dem Ausbruch eines kraftvollen musikalischen Strömens, zu dem sich wie schwebend das Klavier gesellte. Höchste Sensibilität und handwerkliche Perfektion prägten unmittelbar das Geschehen. Das Quartett musizierte vital und enorm transparent, formulierte dabei eine große Dramatik. Typisch war die intensive Interaktion der Musiker, die attraktive Stimmwechsel ermöglichte. Das alles mit völliger inhaltlicher Klarheit und vorzüglicher Ausgewogenheit. Das war mitreißend und man genoss ein geradezu szenisches musikalisches Geschehen.

Im Zweiten Satz dann vorzügliches Verschmelzen der Streicher und ein enorm sensibel eingefügtes Klavier. So entstand ein fast sinfonisches, emotionales, narratives Format. Schließlich ein filigranes Violinintro, gefolgt von einer schnellen Intensivierung. Dazu schattierte Dynamik und ein schnelles, beschwingtes Geschehen. Dann wurde mit überragender individueller Stimmhaftigkeit und immer stärkerer Kumulation das Motiv erneut gewürdigt. Man meinte, eine Bilderfolge an sich vorbeiziehen zu sehen, die Atmosphäre wurde immer drängender, reich verzierte Details, schließlich ein präziser Abschluss - so ließ sich erst einmal durchatmen. Das begeisterte Publikum bat die Musiker gleich zweimal auf die Bühne zurück.

Für Franz Schuberts Streichquartett in C-Dur, D 956 trat Cellistin Bettina Kessler hinzu. Kaum hielt man's für möglich, doch hier erzielte das Ensemble eine noch größere musikalische Dichte: von intensivem weichen Wogen über federleichte Momente bis hin zu einem strengen Marschrhythmus. Mit spürbarer Leidenschaft schufen die jungen Musiker geschmeidigen Ausdruck, großartige Farbigkeit und agierten mit erzählerischem Charme - sie schienen förmlich für ihre Musik zu brennen.

Im Adagio genoss man poetische Feinheit, besonders in den ganz leisen Partien: wunderbare stabile, zarte Flächen am Rande der Stille; superbe Geschlossenheit - ein Glanzlicht zum Dahinschmelzen. Ebenso das mit vollem Schwung und fröhlichem Schwung realisierte Adagio, mit triumphierend kraftvollen Kontrasten, aber auch elegischen Momenten, ein Blick ins Licht.

Im Scherzo dann tänzerische, teils jubilierende Stimmung, aber auch fast martialisch harte Elemente mit einem gerade noch fassbar intensiven Abschluss.

Donnernder, sehr langer Applaus, keine Zugabe: die erlebte Intensität genügte zum vollkommenen Beseeltsein.