Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Neobarock beim Winterkonzert 2019, Foto: Jouini.

Gießener Allgemeine vom 19.3.2019

Voller geistiger Spontaneität

Das Ensemble NeoBarock begeistert beim letzten Winterkonzert der Saison mit lebhaften Interpretationen. Am Ende gibt es für die Musiker, die historische Aufführungspraxis nicht als rückwärtsgewandte Regelgläubigkeit verstehen, kräftigen Beifall.

Erfreulich gut besucht war das letzte Winterkonzert mit dem Ensemble NeoBarock am Montag im Rathaus. Kaum verwunderlich, hatte die Formation hier ihr Können doch bereits zweimal bewiesen. Es musizierten Maren Ries und Anna-Maria Smerd (Violinen) sowie Ariane Spiegel (Cello) und Stanislav Gres (Cembalo).

Der Name NeoBarock spielt darauf an, dass das Ensemble historische Aufführungspraxis nicht als rückwärtsgewandte Regelgläubigkeit begreift – die barocke Spielweise lässt sich ohnehin kaum eins zu eins rekonstruieren –, vielmehr als aktuelle Auseinandersetzung mit dem musikalischen Stil wie künstlerischen Gehalt der Kompositionen.

Rauschhafte Spielfreude

Das Ergebnis überzeugte restlos, dies zeigte sich schon zu Beginn, bei Pater Johann Valentin Rathgebers Concerto d-Moll. So geriet die Interpretation des eröffnenden Allegros anspringend lebhaft, zudem finessenreich artikuliert und perfekt im Timing. Wie leiderfülltes Wehklagen mutete das kurze Adagio-Intermezzo an, ehe der letzte Teil den Bogen zum Beginn zurückschlug.

Agogisch beweglich und einfühlsam vorgetragen von Stanislav Gres, führte Padre Antonio Solers »Fandango« für Cembalo solo in feine Klangdimensionen; im Hermann-Levi-Saal kam das Instrument akustisch frappierend klar zu Geltung. Die rauschhafte Spielfreude des Cembalisten riss regelrecht mit. Gleichermaßen beeindruckte Maren Ries bei der Sonate in D für Violine und Basso continuo von Rupert Ignaz Mayr mit ihrer empfindsamen wie schattierungsreichen, im Tempo wieder recht flexiblen Darbietung. Auch bei Biagio Marinis »Sonata sopra La Monica« gefiel das detailreiche Spiel. Hervorzuheben ist die Wandlungsfähigkeit der Streicher zwischen energischen, klanglich schroffen Passagen und zarten Ruhepunkten.

Nach der Pause, in Benedictus Buns’ Sonata d-Moll ließ das Ensemble die Hörer wieder tief in alte Klang- und Ausdruckswelten eintauchen, die nichts an geistiger Spontaneität wie emotionaler Vielschichtigkeit verloren haben. Sehr schön fingen die Musiker den unterschiedlichen Bewegungscharakter der einzelnen Teile ein. Von beschaulicher Art war Girolamo Frescobaldis »Partita sopra La Monica« für Cembalo – das Thema erhielt in den Endlosigkeit suggerierenden Variationen immer neue Gestalt. Mit Heinrich Ignaz Franz Bibers »Partita VI« für zwei Violinen und Basso continuo stellte das Ensemble eine besonders effektvolle und kontrastreiche Komposition an den Schluss; faszinierend das stereophone Wechselspiel der Violinen.


Sie stehen für fesselnde Interpretationen: die Musiker des "Ensemble NeoBarock" beim Schlussapplaus. Foto: Wißner

Gießener Anzeiger vom 19.3.2019

Beglückende Momente im Gießener Levi-Saal

von Karsten Mackensen

GIESSEN - Nur selten kommt man als Musikkritiker in die Verlegenheit, dass man ein Konzerterlebnis als beglückend beschreiben möchte - das hat ja doch einen sentimentalen Beiklang, eine unsachliche Note. Aber in diesem Fall muss es einfach einmal sein, ausnahmsweise: Dieses Konzert war beglückend.

Eigentlich kam das gar nicht gänzlich unerwartet, denn das "Ensemble NeoBarock", ein Streicher-Trio mit Cembalo, hat einen ausgezeichneten Ruf und ist für seine einnehmenden, ja fesselnden musikalischen Interpretationen längst bekannt. Es gastierte am Montagabend beim letzten der Meisterkonzerte dieser Wintersaison im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses. Bei dem Programm ging es unter anderem um "komponierende Mönche" - tatsächlich stammt ja ein guter Teil der Instrumentalmusik des langen 17. Jahrhunderts aus dem Umfeld von Klöstern, Kirchen oder geistlichen Höfen. Askese war aber nicht zu befürchten. Diese Padres wussten höchst delektable Musik zu schreiben.

Gleich im Konzert für zwei Violinen und Basso continuo aus der Sammlung "Chelys sonora" des Benediktinermönchs Johann Valentin Rathgeber (1682 - 1750) zeigte das Ensemble die Fülle und Freudigkeit dieser italienisch (Stichwort Vivaldi) beeinflussten Kompositionen aus dem süddeutschen Raum. Als sehnsuchtsvollen Ruf einer anderen Welt, als drängendes, friedvolles Verlangen gestaltete dann Maren Ries die Sonate in D-Dur von Rupert Ignaz Mayr (1646 - 1712), Violinist an verschiedenen katholischen Höfen: Das war eine Meisterleistung in einem warmen, weichen, noch in den Echos tragenden und auch in den handfesteren, tänzerischen Teilen nie an Schönheit verlierenden Klang - sprechender, ausdrucksvoller kann Musik kaum sein.

Wie in Trance

Mit "Fandango" von Antonio Soler (1729 -1783) und der "Partita sopra la Monicha" von Girolamo Frescobaldi (1583 - 1643) für Solo-Cembalo bewies Stanislav Gres die Strahlkraft seines Instruments in den teilweise atemberaubend virtuosen Variationen dieser Stücke. Solers spanischer Tanz baut seine Rasanz langsam auf, geradezu fühlt man sich in Trance versetzt - irgendwann fängt man an, Phänomene wie die in Europa zeitweise grassierende Tanzwut zu verstehen. Frescobaldi komponierte seine Variationen über einen Gassenhauer der Zeit, der das Widerstreben einer gewissen Monica besingt, ins Kloster geschickt zu werden.

Das Thema ist auch Grundlage der Triosonate von Biagio Marini (1597-1666), der als Geiger unter Claudio Monteverdi gespielt hat, mit ihrem noch stark der Renaissance verpflichteten, feinen Gespinst ineinander verwobener Passagen und Figurationen. Ganz anders, im Stil einer Canzone, funktioniert die dritte Triosonate aus der Sammlung "Orpheus Elianus" von Benedictus Bruns (1642 - 1716). Hinreißender Höhepunkt des Abends war dann zweifelsohne der Abschluss: In der sechsten Partia aus Heinrich Ignaz Franz Bibers (1644 - 1704) "Harmonia artificioso-ariosa" von 1696 geben sich die Streicher die Klinke in die Hand, um sich gegenseitig noch immer an Kunstfertigkeit zu übertreffen. Auch das Cello (Ariane Spiegel) ist hier selbständig integriert.

Biber führt in dieser Sammlung alles vor, was auf Streichinstrumenten zu seiner Zeit technisch möglich war. Das Ensemble verband solche Virtuosität mit höchster Musikalität. Puls und Atem der Musik waren von vollendeter Organizität, während sich aus der einfachen Aria des Themas nach und nach die immer irrwitzigeren Variationen entwickelten. Die Farben der einzelnen Instrumente blieben dabei unterscheidbar, die minimal hellere zweite Geige (Anna-Maria Smerd) auch im vollsten, doppelgriffigen D-Dur-Gerausche noch von dem etwas dunkleren Klang der ersten abgehoben. Das Arienthema war bei all dem immer transparent. Das ist vollendete Einheit in der Mannigfaltigkeit.