Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Vom Duo bis zum Oktett

Jan Ickert (l.) spielt mit drei Schülern einen alten Schlager.
© jou

Gießener Allgemeine, 8. Juli 2019

von Sascha Jounini

Gießen (jou). Welch wunderbar wandlungsfähiges Streichinstrument das Cello sein kann, demonstrierte am Sonntag beim ausverkauften Basilika-Konzert auf dem Schiffenberg eindrucksvoll die internationale Celloklasse des Frankfurter Musikhochschulprofessors Jan Ickert. Bei der letzten Zugabe von Brahms zeigten die Musiker mit viel Feingefühl, dass man ein besinnliches "Wiegenlied" auch mal mittags spielen kann. Das Stück markierte den gelungenen Schlusspunkt eines recht abwechslungsreichen Konzerts, in dem vom Duo bis zum Oktett alles vertreten war.

Herzerwärmende Zuversicht verliehen Sinem Karasu und Paul Winter eingangs dem Kopfsatz aus Joseph Haydns D-Dur-Duo. Mit deutlicher Artikulation und ausgefeilter Tempogestaltung legten sie die Messlatte hoch. Dem Druck hielten Lucia Falcioni und Calvin Wong bei dem Flamencostück "Bulerias" des spanischen Komponisten Mario Escudero mühelos stand. In ihrer rhythmisch zackigen Interpretation erfüllte die Basilika mediterraner Geist. Zu fesseln vermochten auch Lara Jakobi und Alexios Tassis bei dem Presto aus Jean-Baptiste Barrières G-Dur-Sonate mit ihrem virtuos-eleganten, spannungsgeladenen Spiel.

Durchweg bestach, wie akkurat die Musiker aufeinander eingingen und mit welch feinem Instinkt sie diversen Stilrichtungen gerecht wurden. Bei den Ensemblestücken trat Raquel Rivera Novillo als weitere Studentin hinzu. Oft handelte es sich um Arrangements, beispielsweise ist die "Aria da Chiesa" von Alessandro Stradella eigentlich für Gesangsstimme und Orgel gedacht. Bei der Unisono-Einleitung der Triobearbeitung machte sich getragen-ernste Atmosphäre breit, die das Ensemble feinfühlig fortspann. Auffallend dezent, meist schlank in der Tongebung wirkte die Interpretation des Presto-Finales aus Ludwig van Beethovens Trio C-Dur op. 87, vermittelte gleichwohl große Spielfreude. Leidenschaftlich expressiv wurde es bei dem Intermezzo aus der Oper "Goyescas" von Enrique Granados. Das Quartett ersetzte hier ebenbürtig ein Orchester.

Gleich viermal Zugabe

Der musikalische Erkundungstrip durch verschiedene Epochen führte bis hin zur Motette "Gressos meos dirige" von Orlando di Lasso aus dem 16. Jahrhundert. Gemeinsam mit drei Studentinnen ließ Ickert die Hörer tief in die geistliche Sphäre eintauchen. Ganz andere Ausdruckswelten taten sich bei Schlagern aus den 1930er Jahren auf. Ohrwürmer wie "Ich hab’ das Fräulein Helen baden sehn" amüsierten das Publikum köstlich, manche fühlten sich gar zu einem Zwischenapplaus hingerissen.

Nach der Pause ging es weiter mit dem feinnervig und voller Poetik dargebotenen Largo aus Frédéric Chopins g-Moll-Sonate. Ein starker Kontrast bestand zwischen dem ruhigen zweiten und raschen dritten Satz aus Friedrich Metzlers Cello-Quartett. Wieder auf andere Weise faszinierte Maurice Ravels "Pavane pour une enfante défunte": Hier wanderte die Oberstimme reizvoll durch die Instrumente. Das Vergnügen setzte sich fort bei Wilhelm Kaiser-Lindemanns unverkrampft-lockerem "Mambo for six". Für gewichtige Akzente sorgte Johann Strauss’ "Ägyptischer Marsch". Ziemlich überraschend machten die Cellisten hier von ihrer Gesangsstimme Gebrauch. Das vorzügliche Konzert endete mit einem Suitensatz aus Heitor Villa-Lobos’ "Bachianas Brasilieras" Nr. 1 und nicht weniger als vier Dreingaben.


Musikprofessor Jan Ickert und seine Celloschüler führen Publikum auf dem Schiffenberg klangvoll durch vier Jahrhunderte

Die Celloklasse von Jan Ickert wurde im Laufe des Basilikakonzerts vom Duo bis zum Oktett erweitert. Foto: Schultz

In der voll besetzten Kirchenruine gastierte die Celloklasse Jan Ickert, um eine Zeitreise durch vier Jahrhunderte zu machen. Das Unternehmen gelang ganz und gar; man musizierte auf handwerklich höchstem Niveau.

GIESSEN - Ein Musikerlebnis besonderer Güte erlebten die Besucher des Basilikakonzerts am Sonntag auf dem Schiffenberg. In der voll besetzten Kirchenruine gastierte die Celloklasse Jan Ickert, um eine Zeitreise durch vier Jahrhunderte zu machen. Das Unternehmen gelang ganz und gar; man musizierte auf handwerklich höchstem Niveau und mit seelenvoller Intensität bei strahlendem Sonnenschein: die Welt war in Ordnung.

Jan Ickert, Solist, Kammermusiker und Orchestercellist, ist ein ebenso hoch qualifizierter wie im In- und Ausland nachgefragter Musiker, der in zahlreichen namhaften Ensembles erfolgreich agierte. 2008 bis 2018 war er künstlerischer Leiter und Dozent für Cello am Emanuel–Feuermann-Konservatorium der Kronberg Academy. Nach langjährigen Lehraufträgen an den Musikhochschulen Mannheim und Frankfurt berief ihn die Frankfurter Musikhochschule 2017 auf eine Professur für Violoncello.

Nach Gießen hatte er acht junge Musiker mitgebracht: Lucia Falcioni, Raquel Rivera Novilla, Lara Jakobi, Alexios Tassis, Jonas Klepper, Sinem Karasu und Paul Winter. Das Programm war so gestaltet, dass zunächst im Duo musiziert und die Besetzung dann bis zum Oktett erweitert wurde. Zugleich sollte die besagte Zeitreise unternommen werden. Das klang interessant, und schon das erste Duo Paul Winter und Sinem Karasu machte mit dem ersten Satz aus Joseph Haydns Duett in D-Dur einen Topeindruck. Sie lieferten einen schönen, frischen und runden Klang mit zartem Schwung und agierten auch inhaltlich ganz geschlossen und stimmig.

Schöne Dramatik

Calvin Wong und Lucia Falcioni präsentierten Mario Escuderos Flamenco „Bulerias“. Gezupftes Intro, dann rhythmische Stärke mit schönen Kontrasten und kraftvoller Dynamik, tadellos. Auch Alexios Tassis und Lara Jakobi machten bei Jean-Baptiste Barrières Sonate G-Dur (1. Satz) nichts falsch: sehr gute Tempovariationen und gut gehaltener Ausdruck mit schöner Dramatik.

In den Trios begegnete man dann der erweiterten Dynamik der Instrumente. Zunächst Alessandro Stradellas „Aria da chiesa“, ursprünglich für Orgel und Gesang geschrieben, kam mit sehr guten fast-unisono Passagen zu Beginn, dann leise, mit melancholisch und zartem Duktus. Klanglich stieß zur Klarheit jetzt Volumen, wunderbar.

Ein Satz aus Beethovens Trio op. 86 gelang nicht weniger gut: ein wunderschönes Wehen, mit feiner Dynamik- und Tempodifferenzierung. Sicher mit guter Sensibilität leichtfüßig musiziert, dazu ein sahniger Schmelz, toll.

Im Quartett übernahmen die Instrumente nun die Oberhoheit in der Basilika, die durch die neuen Scheiben angenehm unabhängig vom Außengeräusch funktioniert. Es gab gleich ein Glanzlicht, als Enrique Granados‘ Intermezzo aus der Oper „Goyescas“ erklang. Ein sanft rollender, melancholischer spanischer Duktus, sehr intensive Solopassagen, feinste Volumengestaltungen und dann die große Wucht: ein Genuss.

Vor der Pause eine glänzende, heitere Quartett-Episode mit einer Handvoll alter Berliner Schlager aus den Dreißigern, darunter „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Das Fräulein Helen“, „Frauen sind keine Engel“. Das Ensemble hüpfte geradezu durch einige Titel, zeigte sehr schönen authentischen Schmäh und nahm das Publikum mit bester Transparenz sofort für sich ein: Riesenbeifall.

Auch der Auszug aus Chopins Sonate 65 g-Moll und Friedrich Metzlers Quartett für vier Celli (zwei Sätze, ein Glanzlicht) erwiesen sich als makellos musiziert, geprägt von Transparenz, kraftvollem Ausdruck und müheloser Differenzierung.

Reichlich Zugaben

In Quintett, Septett und schließlich Oktett wuchs der Hörgenuss spürbar an. Glanzlichter auch hier, etwa Ravels „Pavane pour une infante defunte“ mit eingängigen, aparten Harmonisierungen, großem Klang und vorbildlicher Dynamikgestaltung. In diesem letzten Abschnitt erlebte man große Abwechslungen: es wurden ein paar Sätze eingesungen, man sah einen tscherkessischen Soldaten vor der Bühne marschieren und hörte einen vorzüglichen „Mambo for Celli“ von Wilhelm Kaiser-Lindemann. Und das war noch nicht alles. Nach donnerndem Beifall gab es reichlich Zugaben, der Musikgenuss wollte gar kein Ende nehmen. Ein Vergnügen auf höchstem Niveau und mit enormem Abwechslungsreichtum.