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Die Gießener Allgemeine Zeitung schreibt...

Artikel vom 25.01.2012

Vier Streicher und eine Gesangsstimme

Minguet Quartett und Sopranistin Sarah Maria Sun bieten beim Winterkonzert ein kompromisslos anspruchsvolles Programm

Das vierte Winterkonzert am Montag mit dem Minguet Quartett und der Sopranistin Sarah Maria Sun bot ein kompromisslos anspruchsvolles Programm, für das sich das zahlreiche Publikum im Rathaussaal recht aufgeschlossen zeigte, wie der lange Schlussbeifall bewies.

Ernste Klänge erfüllten den Saal in der schwermütigen Melodie beim Allegro-Kopfsatz des Streichquartetts d-Moll KV 421 von Wolfgang Amadeus Mozart. Ulrich Isfort (1. Violine), Annette Reisinger (2. Violine), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diene (Cello) intonierten überaus fein, entlockten den Instrumenten eine anmutige Farbpalette und gingen in der dynamischen Gestaltung behutsam vor. Die intellektuell fordernde, zugleich sinnlich fesselnde Interpretation beeindruckte auch dank der genau ausgeloteten klanglichen Balance, die zu einen sehr räumlichen Höreindruck führte. Im Andante gefiel die atmende Phrasierung, darüber hinaus, wie das Ensemble durch Betonung der Pausen der Musik Ausdruckstiefe gab. Gleichermaßen in Bann zog das voller leidenschaftlicher Stimmung vorgetragene Menuett, in dem wieder die sorgsame dynamische Staffelung der Stimmen mit schlankem, doch nicht flachem Cellofundament bestach. Die Finalvariationen schienen thematisch daran anzuknüpfen, erwiesen sich dank der komplexen, eleganten Spielweise als bereicherndes Erlebnis. Der hellwachen, doch nicht allzu eingeschliffen-routinierten, vielmehr geistige Lebendigkeit vermittelnden Interpretation war die ausgiebige Konzertpraxis des Ensembles anzumerken. Jeder Ton war in seiner Stärke genau ausgelotet, nie gaben die Musiker der Komposition unnötigen Ballast, sondern zeichneten die Struktur durchweg filigran.

Irritieren ließ Gustav Mahlers Lied ,,Ich bin der Welt abhanden gekommen", hatten doch viele Hörer hier Gesang erwartet, während das Ensemble die Fassung für Streichquartett aufführte. In dem nachdenklichen, auf einem Gedicht von Friedrich Rückert basierenden Lied spiegelte sich die Sinnsuche eines einsamen Menschen wider.

Erst im Streichquartett Nr. 2 fis-Moll op. 10 von Arnold Schönberg trat Sopranistin Sarah Maria Sun in den letzten beiden Sätzen in Erscheinung. Im eröffnenden Moderato fühlte sich das Ensemble gekonnt in die expressive Tonsprache ein, reizte die durch erweiterte Tonalität hervorgerufenen Klangwirkungen wie scharfe Intervallreibungen aus. Ganz leicht ließ es die Bewegung zu Beginn des Scherzos dahinhuschen, um sie energisch bis hin zu stark akzentuierten Passagen zu steigern. Eine äußerst dichte, virtuose Interpretation mit hitzigen Höhepunkten. In der anschließenden Litanei (Text: Stefan George) sang Sun oft mit eher hartem Timbre und strengem Ausdruck; beides passte zur existenziellen Dimension der tristen Musik. Kraftvoll intensivierte sie die Dynamik gegen Ende des Satzes. In der engagierten Interpretation war durchweg die enge Verzahnung von Singstimme und Streicherpart zu spüren. Dies galt auch für das Finale mit dem Titel ,,Entrückung", in dem Sun das Gefühl der Entfremdung und des Verlorenseins gemeinsam mit dem Ensemble eindringlich herüberbrachte.   

Sascha Jouini