Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Wolfgang Manz bringt den Saal zum Beben

Gießener Allgemeine, 1.12.2011

Pianist schwankt beim Meisterkonzert zwischen mangelnder Transparenz und ungeheurer Brillanz

WWolfgang manzolfgang Manz weiß, dass es besonders auf den Anfang ankommt: Die eröffnende fragende Geste aus Frédéric Chopins Ballade Nr. 3 As-Dur spielte er beim Winterkonzert im gut besuchten Rathaussaal sehr ausdrucksvoll, mit runder Tongebung. Der Pianist weckte hier gekonnt Aufmerksamkeit. Allerdings hielt er den hochgesteckten Erwartungen im weiteren Verlauf nicht vollends stand, fehlte seiner Interpretation doch der letzte Schliff. So schleppte die Bewegung zuweilen zu stark, die schnellen Läufe konnte man sich noch leichter gespielt vorstellen, überdies war die klangliche Balance nicht immer ganz ausgewogen. Auch bei der Ballade Nr. 2 h-Moll von Franz Liszt überzeugte Manz nicht restlos. Wegen des reichlichen Einsatzes des rechten Pedals ging die Transparenz oft unter, zudem wünschte man sich mehr poetisches Empfinden, einen ausgeprägteren Sinn für klangliche wie dynamische Nuancen.

Ein wesentlich besseres Bild hinterließ er bei den Fantasiestücken op. 12 von Robert Schumann, widmete sich inspiriert der ersten Hälfte des Zyklus. Ungemein zart und feinfühlig trug er das Eingangsstück „Des Abends“ vor, intonierte hier die Oberstimme äußerst kantabel. Die dynamische Dezenz passte vorzüglich zum ruhigen Charakter der Komposition. Den „Aufschwung“ spielte der Pianist leidenschaftlich erregt. Zwar wirkte das Tempo etwas gehetzt, doch unterstrich dies auf ansprechende Weise die innere Rastlosigkeit. Fein ausgelotet mutete die agogische Flexibilität in „Warum?“ an; die Tempoverzögerungen gaben der Musik Nachdenklichkeit. Etwas zackig akzentuiert, dynamisch eigenwillig bot Manz „Grillen“ dar, die Launenhaftigkeit traf er gleichwohl.

Bemerkenswert scheint, dass sich Manz – Professor für Klavier an der Musikhochschule Nürnberg – in der zweiten Programmhälfte noch deutlich steigerte. Weit ausgefeilter als die Balladen gelangen ihm drei der „Etudes d'exécution transcendante“ von Liszt. So gefiel, wie er in der „Ricordanza“ intensive Stimmung erzeugte – von melodisch reizvollen über schwirrend virtuosen bis hin zu kernigen Passagen. Oder wie er in der „Wilden Jagd“ bei geballt hingeschleuderten Akkorden für packende Dramatik sorgte, mit kompromissloser Vehemenz aufhorchen ließ. Ebenso beeindruckte, wie er in „Harmonies du soir“ bei sonoren, farbigen Klangflächen wie auch bei markanten Höhepunkten die Möglichkeiten des Steinway-Flügels ausschöpfte.

Die drei besinnlich-ruhigen Intermezzi op. 117 von Johannes Brahms dienten der Entspannung und gaben dem Pianisten Gelegenheit, sich zu sammeln für das gewichtige Schlusswerk: Liszts „Mephisto-Walzer“ Nr. 1. Den meisterte Manz rhythmisch präzise, klanglich trocken, mit drängendem Impuls. Wirkungsvoll stellte er den lyrischen Mittelteil dazu in Kontrast. Skurrilität strahlten die pendelartigen Figuren aus, während bei den dichten Tonrepetitionen und Trillern das spieltechnische Moment im Vordergrund stand.

Nicht nur der Anfang, auch das Ende eines Konzertes bleibt besonders in Erinnerung, und hier zeigte Manz großes Format: Ungeheure Brillanz verlieh er dem Fortissimo-Ausklang des Walzers, brachte hier den Saal förmlich zum Beben. Für den begeisterten Applaus dankte er mit Liszts „Consolation“ Nr. 3 Des-Dur als Zugabe.  

Sascha Jouini

 


Romantische Klangfülle

01.12.2011 - GIESSEN

Von Susanne Engelbach

Pianist Wolfgang Manz ehrt Franz Liszt - Meisterhaftes Spiel im Meisterkonzert

Wolfgang ManzEine gute Wahl hatte der gastgebende Verein Gießener Meisterkonzerte auch für das 3. Winterkonzert getroffen: Viel Beifall gab es am Dienstagabend vom zahlreich erschienenen Publikum für den Pianisten Wolfgang Manz, der den Konzertsaal des Rathauses mit den bezaubernden Klängen romantischer Kompositionen von Brahms, Chopin, Liszt und Schumann ausfüllte.

Zum Ausklang des Liszt-Jahres 2011 erinnerte der 1960 geborene Manz mit seiner Programmauswahl an den begnadeten Pianisten und Komponisten. Ausgewählt hatte er neben der Ballade Nr. 2 in h-Moll auch drei der zwölf Etudes d’exécution transcendante sowie den Mephisto-Walzer Nr.1, die er allesamt mit meisterlicher Virtuosität und ausdrucksstarker Interpretation vortrug.

Mit Nachdruck

Gegenübergestellt wurde diesen Werken die anspruchsvolle Ballade Nr. 3 und vier Fanatasiestücke aus op.12, erdacht von Frédéric Chopin und von Robert Schumann. Manz gelang es, die individuellen Besonderheiten und kompositorischen Schwerpunkte eines jeden Stückes herauszustellen und wurde so jedem der Tondichter vollauf gerecht. So trug er Chopin mit sanftem Nachdruck vor, den er trotz des von Leichtigkeit und Sensibilität geprägten Spiels stets beibehielt.

Einfühlsam ließ der Interpret die rhythmisch diffizilen Passagen des von Schumann als „Genie“ bezeichneten Komponisten mal mit geschlossenen Augen, mal mit träumerisch an die Decke gerichteten Blick aus seinen Händen fließen, unterstützt vom häufigen Einsatz des linken und rechten Pedals. Aus Schumanns Klavierzyklus, dessen einzelne Stücke erst im Nachhinein benannt wurden und deshalb nicht als programmatisch gelten können, erklang zunächst „Des Abends“ das trotz der vorgegebenen rhythmischen Verschleierung klar strukturiert erklang, und auch in dem dramatisch vorwärtstreibenden „Aufschwung“ blieb bei allem Temperament eine klare Struktur erhalten. Seine Fähigkeit zur detailgetreuen Gestaltung bewies Manz im vierten gewählten Stück „Grillen“ durch zahlreiche Tempo-, Dynamik- und Artikulationswechsel.

Energiegeladen

Richtig dramatisch wurde es jedoch erst mit Liszts Ballade Nr. 2, für die sich der Komponist nach allgemeiner Auffassung von dem griechischen Mythos von Hero und Leander inspirieren ließ. Aus einem in der Tiefe grollenden Klangteppich hob die präzise gespielte rechte Hand schnell die einfache und zugleich eindringliche Melodie hervor; versiert beendete der Pianist das energiegeladene Werk mit einem sehr sanften Finale. Von hohem technischen Anspruch waren auch die drei Etudes d’exécution transcendante, von denen „Rocordanza“ (Nr. 8), „Wilde Jagd“ (Nr. 9) und „Harmonies du soir“ („Abendklänge“, Nr. 11) zu hören waren. Der 1826 komponierte und später überarbeitete Klavierzyklus wurde durch die Vielseitigkeit der ausgewählten Werke ein besonderer Höhepunkt. Während Manz in „Ricordanza“ vor allem die wellenförmige Melodie hervorholte und mit schnellen Läufen brillierte, wurde die „Wilde Jagd“ zu einem temperamentvollen Ritt mit hartem Anschlag und reicher Dynamik. Völlig gegensätzlich erschien zunächst „Harmonies du soir“, das durch das einläutende Motiv, ein Pendeln zwischen Tönen im Oktavabstand, die das Läuten einer Glocke symbolisieren sollen, eröffnet wurde. Doch auch hier entwickelte sich aus den sanften Tiefen ein Stück, das eine meisterliche Interpretationsfähigkeit forderte, die von Manz mit spannungsgeladener Ausdruckskraft und rhythmischer Sicherheit erfüllt wurde.

Bevor der Abend durch einen in seiner Dynamik noch gesteigerten Mephisto-Walzer und einer als Zugabe gegebenen Consolation Nr 3, gleichfalls von Liszt, sowie anhaltendem Applaus beendet wurde, ließ Manz einen weiteren romantischen Tonkünstler „zu Wort“ kommen: Von dem einige Jahre später geborenen Brahms, der in den Augen Schumanns ein „Berufener“ war, erklangen die drei Intermezzi op. 177, die mit gekonnt gewählten Spannungsbögen und deutlicher Ernsthaftigkeit vorgetragen wurden.