Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.


Gießener Allgemeine vom 6.11.2013

Das hat künstlerische Klasse

von Sascha Jouini

Geschwister Katharina und Konstantin Sellheim eröffnen Winterkonzertsaison

SelheimSelbst besonders anspruchsvolle Besucher dürfte das Duo Katharina (Klavier) und Konstantin Sellheim (Viola) zum Auftakt der neuen Winterkonzertsaison im Rathaus zufriedengestellt haben. Bei der Eröffnungsnummer aus Robert Schumanns ,,Märchenbildern" op. 133 machten sich von den ersten Takten an schwelgerische Klänge breit. Die Geschwister luden die Musik feinfühlig mit sehnsüchtigem Ausdruck auf. Es gefiel die in der Tongebung schlanke, nie rührselige Spielweise. Beim zweiten Stück überzeugte der angemessen vitale, doch weniger jugendlichen Überschwang als vielmehr charakterliche Reife ausstrahlende Vortrag. So artikulierte das Duo zwar deutlich, ohne indes die prägnanten Rhythmen forsch zuzuspitzen. Gelegenheit, virtuose Fertigkeiten zu demonstrieren, bekam der Violaspieler vor allem bei den dichten, äußerst schnellen Figurationen im dritten Stück, während das vierte Stück Ruhe und Besonnenheit verströmte. Wie die Musiker hier die Gedankenversunkenheit herüberbrachten, hatte künstlerische Klasse.

Ebenso hörenswert schien Benjamin Brittens Zyklus ,,Lachrymae". Die zwölf Variationen über John Dowlands Lied ,,If my complaints could passion move" beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: von durch Klavierakkorde unterbrochener, dezent-leichter Pizzicato-Bewegung der Viola über melancholische bis hin zu schicksalhaft-ernsten Momenten. Das Duo zauberte recht facettenreiche Klänge, hatte die Komposition derart verinnerlicht, dass es sich ganz interpretatorischen Details widmen konnte. Wie eine wehmütige Reminiszenz an längst vergangene Tage tauchte das Lied beim letzten Satz in Originalgestalt auf.

Nach der Pause, in Franz Schuberts ,,Arpeggione-Sonate" D 821 fühlte man sich mittendrin in einem gediegenen romantischen Musiksalon, so stilgetreu traf das Duo im Allegro-Kopfsatz die folkloristisch-unbeschwerten oder leidenschaftlichen Passagen. Die kantable Intonation des Violaspielers vermochte unmittelbar zu berühren. Von seiner Schwester wurde er stets achtsam, rhythmisch genau begleitet. Wirkungsvoll ließen die Künstler durch stetiges Ritardando die Musik ausklingen. Bei den ausgedehnt-ruhigen Takten im Adagio schien die Zeit fast stehenzubleiben, solch schwebender klanglicher Eindruck entstand hier. Die akkurate Abstimmung des Duos verdiente beim Allegretto-Finale erneut Bestnoten - kaum verwunderlich, musizieren die Geschwister doch schon seit Kindesbeinen zusammen.

Einen tänzerisch bestimmten, temperamentvollen Abschluss bildete ,,Le Grand Tango" des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. Als Dank für den lang anhaltenden Beifall entließ das Duo die Hörer mit Schuberts zartem ,,Ständchen" voller Streicheleinheiten fürs Gemüt in den Herbstabend.


Gießener Anzeiger vom 6.11.2013

Mit Leidenschaft und innerem Feuer

 

WINTERKONZERT Sellheim-Duo beglückt Publikum zum Auftakt der neuen Saison

(rfi). Das Sellheim-Duo mit Katharina Sellheim (Klavier) und Konstantin Sellheim (Viola) ist ein international erfahrenes Ensemble. Im ersten Winterkonzert der Saison des Vereins Gießener Meisterkonzerte beglückte es am Montagabend das Publikum im Gießener Konzertsaal mit einem Programm von der Romantik bis zur gemäßigten Moderne.

In einer klugen Programmdramaturgie kombinierte es im ersten Teil melancholische Stücke von Robert Schumann und Benjamin Britten, um im zweiten Teil mit Schuberts Arpeggione-Sonate ein teilweise tänzerisches Stück leichteren Charakters zu bringen. Da war es nur konsequent, dass Astor Piazzollas ,,Grand Tango" den Abschluss bildete. Das Sellheim-Duo musizierte dabei mit innerem Feuer und ließ die melancholischen Melodien von Schumanns ,,Märchenbildern" sich aussingen. Konstantin Sellheim spielte sein Instrument mit großer expressiver Leidenschaft. Seine Partnerin am Klavier verfügt über eine breite Palette an Anschlagsnuancen und gab dem Klang durch vorsichtigen Pedalgebrauch expressive Wärme. Beide Künstler agierten so homogen, in so guter Klangverschmelzung, dass man meinte, ein einziges Instrument zu hören. Brittens Komposition ,,Lachrymae-Reflections on a song of Dowland" ist ein Variationszyklus, bei dem das Thema des Liedes erst am Ende erscheint. ,,Reflections" ist ein gut gewählter Titel, weil das Stück quasi rhapsodisch über melodische und harmonische Strukturen des Songs von John Dowland meditiert. Dem Duo gelang das erweitert tonale, gemäßigt moderne Werk so gut, dass das Publikum sichtlich gerührt war.

Nach der Pause ertönte die Arpeggione-Sonate in der Fassung für Viola und Klavier. Schuberts Komposition entstand im Sommer 1824 zugleich mit dem Divertissement a la hongroise, einem Werk leichteren Charakters. In der Sonate sind die subthematischen Motivbezüge zurückgedrängt zugunsten einer reihenden Anlage, die schon den Kopfsatz dominiert, um im Final in lockerer Fügung einen bunten Reigen schöner Melodien mit Ohrwurmqualitäten zu präsentieren. Dabei gelangen dem Duo die virtuosen, tänzerisch angehauchten Sechzehntelpassagen besonders gut. Zentrum des Werkes ist die Adagiointroduktion zum Finale. Die schöne Melodie geriet hier in ein Auflösungsfeld und eine Krise, aus der sie sich erst im Finale befreien konnte. Piazzollas effektvolle Komposition Grand Tango bildete den fulminanten Abschluss. Das Publikum spendete lebhaften Applaus und wollte die Künstler nicht ohne eine Zugabe entlassen. Schuberts Ständchen aus dem ,,Schwanengesang" in der Fassung für Viola und Klavier war der anrührende Ausklang dieses fulminanten Konzerts.