Verein
Gießener
Meisterkonzerte
e.V.

Brückenschlag von Barock bis Bartók

Von Karsten Mackensen, Gießener Anzeiger 07.08.2019

GIESSEN. Wie schön, dass es die Basilikakonzerte auf dem Schiffenberg gibt – das dachte man sich am Sonntag einmal wieder. Denn kulturell fühlt man sich ja schon fast etwas ausgetrocknet angesichts der sonnigen Tage der Theater-und Orchesterferien. Da kam das Konzert mit dem Geiger Alexej Barchevitch und der Cellistin Claudia Schwarze gerade recht – entsprechend fand es ausnehmend guten Zulauf, sodass nur mit zusätzlichen Stühlen alle Interessierten auch Platz fanden. Wie sich – auch dies nicht zum ersten Mal – herausstellte, steht die sommerlich-entspannte Atmosphäre dieser Matineen nicht im Geringsten im Widerspruch zu einer anspruchsvollen Programmgestaltung. Mit Maurice Ravels Sonate für Violine und Cello aus den Jahren 1920/22 und Zoltán Kodálys 1914 entstandenem Duo opus 7 brachten die beiden Musiker die mit gutem Grund berühmtesten und zweifelsohne gewichtigsten Werke für diese Besetzung zu Gehör.

Um aber sozusagen nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, gestattete sich das Duo als eine Art Präludium, „back to the roots“ zu gehen. Diese Wurzeln suchten sie in den 1700 publizierten „Sonate a violino e violone o cimbalo“ von Arcangelo Corelli. Natürlich ist hier das Cello noch nicht gleichberechtigt mit der Geige, der ganz wesentlich die Arbeit an der „Klangrede“ zufällt. Es ist genau dieses stark Sprachhafte, Gestisch-Ausdruckshafte der Musik, was letztlich auch in den Werken des 20. Jahrhunderts noch eine Rolle spielen wird. Barchevitch gestaltete den Affektausdruck der achten Sonate mit Zurückhaltung, moderat mit der Variation figurativer Verzierungen umgehend – eher verließ er sich auf die Artikulationsmöglichkeiten seiner streng kontrollierten Bogentechnik.

Was andere als Zugabe spielen, bildete den beiden Musikern einen Brückenschlag vom Barock ins 20. Jahrhundert, nämlich die extrem virtuose Variationenfolge, die der norwegische Violinist, Komponist und Dirigent Johan August Halvorsen 1894 über ein Thema von Georg Friedrich Händel geschrieben hat. Im Original mit Bratsche besetzt, kommt die Fulminanz und Virtuosität der miteinander wetteifernden Instrumente durch die weit auseinander liegenden Register vielleicht noch besser zur Geltung. Ist das Stück auch musikalisch vielleicht nicht von beliebiger Tiefe, konnte das Duo hier schon seine Zielsetzung unter Beweis stellen: nämlichdie kompromisslose Auslotung von Intensität und Klang, von Emotion, aber auch von virtuoser Spielfreude. Die Kehrseite war allerdings eine leichte Tendenz zum allzu Brachialen, das mitunter ins Gehudelte umschlug.

Gänzlich frei davon war auch nicht Ravels Sonate, die die beiden insgesamt hörbar an ihre Grenzen brachte. Was dieses Stück versucht – fast möchte man sagen, den Spielern zumutet –, ist eigentlich eine Quadratur des Kreises: Der erste Satz mit seiner fast minimalistischen Grundfigur realisiert einen orchestralen Stil in einem äußerst ausgedünnten Satz. Tönender Ausdruck wird zugleich radikalisiert und gebrochen, wenn Ravel eine regelrechte Denaturierung von Klängen komponiert – mit Flageoletts, extremen Lagen, speziellen Bogentechniken. Die enorme Steigerung des dritten Satzes, unverkennbar ein „Tombeau“ für Claude Debussy, dem das ganze Stück gewidmet ist, bildete dann einen ersten musikalischen Höhepunkt des Konzerts.

Gänzlich zu Hause, so hatte man den Eindruck, waren die Musiker schließlich bei Kodály – dieses beinahe halbstündige Duett gestalteten sie in der zweiten Konzerthälfte als einen fantastischen, gewaltigen Bogen. Auch die auskomponierte Brüchigkeit des langsamen Satzes zerfiel nicht, sondern wurde im allmählichen Substanzgewinn der rhapsodisch-dialogischen Passagen aufgefangen. Mit allergrößter Lust gaben sich die beiden den folkloristischen, teils derb rustikalen Intonationen des dritten Satzes hin, ergingen sich in Wehmut und Leidenschaft, um dann wieder spontan entfesselte, tänzerische Energien freizulegen. Das war mitreißend!

Zur Erholung gab es noch einen kleinen Choral aus Béla Bartóks rumänischen Volkstänzen als Zugabe.

Von Karsten Mackensen


Kontrastreiches Finale der Basilika-Konzerte

Alexej Barchevitch (Violine) und Claudia Schwarze-Nolte (Violoncello) beim letzten Basilika-Konzert auf dem Schiffenberg (Foto: jou)

Gießener Allgemeine, 5. August 2019

von Sascha Jounini

Gießen (jou). Wie bereits zuvor bei der Frankfurter Celloklasse standen zum Abschluss der Basilika-Konzerte am Sonntag auf dem Schiffenberg Streichinstrumente im Fokus. In der voll besetzten romanischen Kirche präsentierte das Duo Alexej Barchevitch (Violine) und Claudia Schwarze-Nolte (Cello) Werke vom Barock über die Romantik bis zur Moderne. Ansprechend geriet eingangs Arcangelo Corellis Sonate e-Moll op. 5 Nr. 8. Die zuweilen ein wenig durchdringende Tongebung des Violinisten war von hoher Leuchtkraft. Besonders gefiel der nuancierte Vortrag bei der Sarabande.

Noch deutlich besser lag dem Duo die virtuos-romantische "Passacaglia nach einem Thema von Georg Friedrich Händel" des norwegischen Komponisten Johan Halvorsen. Die Variationen gelangen sehr kontrastreich - von zarten Ruhepunkten bis hin zu raschen, das spielerische Moment unterstreichenden Teilen. In großer Leichtigkeit kamen Effekte wie das Springbogenspiel daher. Dabei steigerten sich Barchevitch und Schwarze-Nolte regelrecht in einen musikalischen Rausch.

Bei Maurice Ravels Sonate "A la mémoire de Claude Debussy" überzeugte vor allem der zweite Satz mit auf den Punkt gebrachten grotesken Zügen. Die Musik mutete hier ungemein hitzig an. Von bedrückender Schwere war die resignative Sphäre im langsamen dritten Satz. In Bann zu ziehen vermochte auch das trotzige, folkloristisch geprägte Finale, das energischem Aufbäumen gegen die Trostlosigkeit gleichkam.

Ein bereicherndes Erlebnis bot überdies Zoltán Kodálys Duo op. 7. Rhythmisch ostinate Elemente, sehnsuchtsvolle Melodien und klanglich schroffe Spitzen verbanden sich darin zu einem großen Ganzen. Lebhaft vermittelten die Künstler den modernen Stil und spürten inspiriert den Gemütszuständen zwischen Wehklagen, innerer Zerrissenheit und Wut nach. Für den kräftigen Beifall dankten sie mit einer Choral-Zugabe von Béla Bartók.